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Blut und Wahnsinn bei den Salzburger Festspielen

Es kann jeden treffen Blut und Wahnsinn bei den Salzburger Festspielen

Simon Stone inszeniert Aribert Reimanns Oper „Lear“ als Horrortrip durch menschliche Abgründe. Fulminanter Schlusspunkt des Premierenreigens der Salzburger Festspiele.

Gerald Finley als König Lear verfällt in Shakespeares gleichnamigen Stück gegen dem Wahnsinn.

Quelle: Barbara Gindl

Salzburg. In der Felsenreitschule riecht es wie im Blumenladen. Das kommt von den (echten) Blumen, die über und über die Bühne bedecken. Ein buntes Blütenmeer, das sich später in ein Schlachthaus verwandeln wird. Dann riecht es nach Blut, nicht nach Dünger und Blumen.

An diesem letzten Premierensonntag der Salzburger Festspiele wird „Lear“ gegeben, William Shakespeares blutrünstiger Horrortrip durch die Abgründe der menschlichen Natur, in der noch unerbittlicheren Opernversion von Aribert Reimann aus dem Jahre 1978. Ein Abend mit großen Gesten, großen Momenten und großer Musik, aber auch ein anstrengender Abend.

Auf der Bühne, lang wie ein Laufsteg, sind hinten und seitlich Sitzreihen aufgebaut. Sie füllen sich vor Beginn der Vorstellung, wie der Rest des Auditoriums, mit Festspielgästen. Aha, denkt man sich, das bringt noch ein paar zusätzliche Kartenverkäufe. Das Spiel beginnt: Lear gedenkt in den Ruhestand zu gehen und verteilt sein Königreich an seine Töchter. Goneril und Regan, die den Vater hemmungslos umschmeicheln, bekommen zwei Drittel, Cordelia, die nichts sagt, weil sie den Vater als einzige wirklich liebt, geht leer aus und wird nach Frankreich verheiratet.

Ein schwerer Fehler. Denn Goneril und ihre Schwester entwickeln sich zu blutdürstenden Despotinnen. Sie schicken den Vater samt seiner koksenden, Bier saufenden, Sexorgien frönenden Hofgesellschaft zum Teufel. Lear verfällt dem Wahnsinn, kommt ins Irrenhaus und wird sich erst im Krankenbett mit der schon dem Tod geweihten Cordelia versöhnen. Ähnlich ergeht es dem Grafen Gloster, der auf eine Finte seines „Bastardsohnes“ Edmund hereinfällt und seinen echten Sohn Edgar verstößt. Der taucht später unter dem Namen Tom im Mickymaus-Kostüm wieder auf und rächt den von den neuen Machthabern geblendeten Vater, auf deren Seite sein Halbbruder Edmund jetzt steht.

Der schöne Blütenflor des Anfangs liegt schon bald niedergemähnt am Boden, als wenn ein Orkan darüber hinweggegangen wäre. Ein Orkan, wie ihn Reimanns Partitur entfacht. In der berühmten Sturmszene branden die Klangmassen wie Monsterwellen gegen das Publikum an. „Alle sind Einsame in diesem Dröhnen“, schrieb Reimann dazu in seinen Kompositionsnotizen. Aber es gibt auch Momente der Ruhe, eine einsame Cello-Kantilene, wenn Lear im grauen Jogginganzug verlorene Blüten zählt, oder ein Gezirpe der Streicher, wenn die von Edmund dem Tod übereignete Cordelia als Untote im weißen Leichentuch den Vater streichelt, abwesend, jenseitig.

Der australische Regisseur Simon Stone versucht in seiner erst dritten Operninszenierung gar nicht erst, Shakespeare und Reimann zu deuten. Zusammen mit Bühnenbildner Bob Cousins schafft er mit sparsamen Mitteln einen Raum, in dem sich das Drama entfalten kann. Manches erinnert an die stilisierte Eröffnungsinszenierung von Mozarts „Titus“, realisiert von Peter Sellars und Teodor Currentzis. Dort endete der Protagonist auch im Krankenhausbett.

Die Besetzung ist exquisit, allen voran Gerald Finley, am Ende heftig umjubelt, in der Titelrolle und die drei Töchter: Evelyn Herlitzius als Goneril, Gun-Brit Barkmin als Regan und Anna Prohaska als Cordelia. Als Narr glänzt Michael Maertens und bietet ein paar wenige, komische Augenblicke. Franz Welser-Möst steuert die Wiener Philharmoniker und die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor mit sparsamen Gesten durch Reimanns Monsterpartitur 

Nach der Pause ist das zerstörte Blumenparadies verschwunden. Stattdessen strahlt der Boden in klinischem Weiß, darauf eine Blutlache. Goneril, Regan und Konsorten vernichten alles, was ihnen im Wege steht. Schergen in Security-Uniformen holen scheinbar wahllos Menschen von den Rängen auf der Bühne und stoßen sie ihn die rote Pfütze, eine symbolische Hinrichtung. Aha, denkt man sich, da sitzen also doch ein paar Statisten unter den Zuschauern.

Langsam beschleicht einen das mulmige Gefühl, wie es wäre, wenn man selbst dort säße und die Schergen zugriffen. Würde man sich wehren gegen die Verwechslung? Um Hilfe schreien? Und die Uniformmänner greifen immer mehr Leute, schließlich treiben sie die ganze Mannschaft hinaus. Die Furcht war unbegründet, auf den Bühnenrängen saßen nur Statisten, kein zahlendes Publikum. Ein Effekt mit beunruhigender Botschaft: Es kann jeden treffen.     

dpa

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