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Bolschoi zeigt Serebrennikows „Nurejew“

Ballett ohne Regisseur Bolschoi zeigt Serebrennikows „Nurejew“

Im Sommer sagte das Moskauer Bolschoi das erste Tanzstück von Starregisseur Serebrennikow kurzfristig ab - ein kulturpolitischer Skandal. Nun kommt das Ballett doch auf die Bühne. Ende gut, alles gut - oder eine Beerdigung erster Klasse?

Am Bolschoi-Theater in Moskau weist ein schwarzes Banner auf die Premiere des Balletts „Nurejew“ hin.

Quelle: Friedemann Kohler

Moskau. Es ist eine merkwürdige Premiere. Das Bolschoi-Theater in Moskau zeigt im zweiten Anlauf das Ballett „Nurejew“ von Kirill Serebrennikow. Fünf Monate vorher war die Uraufführung aus undurchsichtigen Gründen abgesagt worden.

Fertigstellen konnte der renommierte Künstler sein erstes Werk für das Tanztheater seitdem nicht: Serebrennikow steht unter Hausarrest, die Justiz bezichtigt ihn der Unterschlagung.

An Russlands wichtigster Opern- und Ballettbühne lädt kein glänzendes Plakat die Besucher zu der Doppelpremiere am Samstag und Sonntag. Am Bolschoi hängt nur ein schwarzes Banner mit dem Schriftzug „Nurejew“ - wie ein Leichentuch für ein kulturpolitisches Ärgernis.

Warum das Stück über den russischen Tanzstar Rudolf Nurejew (1938-93) im Juli kurzfristig abgesagt wurde, bleibt unklar. Die Theaterleitung um Generaldirektor Wladimir Urin erklärte damals, das komplizierte Werk sei noch nicht bühnenreif gewesen.

Die Moskauer Theaterwelt vermutete indes politischen Druck. Nurejew war nicht nur aus der Sowjetunion emigriert, er war homosexuell. Und Serebrennikow, der selbst offen schwul lebt, bringt auch diese Seite in der getanzten Biografie Nurejews auf die Bühne.

Doch das steht quer zur herrschenden Stimmung in Russland, das unter Präsident Wladimir Putin auf Patriotismus, konservative Moral und Orthodoxie setzt. Kulturminister Wladimir Medinski, der zu dieser Richtung zählt, ließ wissen, er komme nicht zur Premiere.

Im Juli hatten die Behörden auch schon ihre juristische Jagd auf den kritischen Theatermacher Serebrennikow eröffnet. Sie halten ihm vor, er habe über seine private Produktionsfirma 68 Millionen Rubel (etwa eine Million Euro) Subventionen für ein Theaterprojekt unterschlagen. Im August wurde er festgenommen und unter Hausarrest gestellt - ein einschüchterndes Signal für die russische Kulturszene.

Serebrennikow nennt die Vorwürfe konstruiert. Genau zur Premiere von „Nurejew“ legte Russlands oberster Strafermittler Alexander Bastrykin in der Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“ mit angeblichen Details nach: Der Regisseur habe mit dem Geld eine Wohnung in Deutschland, Autos und Schmuck gekauft. Verteidiger Dmitri Charitonow sagte, die Käufe hätten 2011 vor dem staatsfinanzierten Theaterprojekt stattgefunden.

An der Oper Stuttgart hatte im Oktober die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ Premiere, eine Inszenierung, die Serebrennikow begonnen, aber nicht fertiggestellt hatte. Die Aufführung machte die Brüche, das Unfertige sichtbar und war eine Demonstration der Solidarität mit dem eingesperrten Künstler. „Nurejew“ ist nun die zweite Inszenierung, die in seinem Namen gezeigt wird, und bei der man doch nicht weiß, ob sie dem künstlerischen Willen des Regisseurs vollständig entspricht.

Die Staatsanwaltschaft habe die Anträge abgelehnt, dass Serebrennikow die Proben am Bolschoi besuchen darf, sagte Anwalt Charitonow. Der Choreograf Juri Possochow, zuständig für die tänzerische Seite bei „Nurejew“, konnte auch nicht sagen, ob der isolierte Regisseur zum Beispiel Videoaufnahmen zum letzten Stand seines Werks gesehen habe. „So etwas entscheidet sich nicht auf der Ebene des Choreografen. Das ist eine zu ernsthafte Frage“, sagte er der Zeitung „Kommersant“.

Der Ankündigung des Bolschoi nach erzählt „Nurejew“ chronologisch den Lebensweg des Tänzers: Lehrjahre in Leningrad (heute wieder St. Petersburg), Flucht nach Paris, Kampf um Anerkennung, Partnerschaft mit der britischen Tanzlegende Margot Fonteyn, Erfolge auf den großen Ballettbühnen der Welt. Eingebettet sind Spielszenen und Lesungen von Briefen an Nurejew, dazu tanzt die Petersburger Primaballerina Swetlana Sacharowa.

Nach der Uraufführung verschwindet „Nurejew“ mindestens bis Ende März vom Spielplan. Ob Zufall oder nicht: das Theater entledigt sich einer Aufgabe und schafft Ruhe bis nach dem zentralen politischen Ereignis für Russland 2018, der erwarteten Wiederwahl von Wladimir Putin.

dpa

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