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Der Schrebergarten als Kunstobjekt in Münster

Skulptur Projekte Der Schrebergarten als Kunstobjekt in Münster

Alle zehn Jahre bekommt die documenta Konkurrenz aus Münster. Die Skulptur Projekte sind zwar viel kleiner als die Kasseler Weltkunstschau, aber auch sie haben eine internationale Strahlkraft. Am besten erkundet man die Freiluftausstellung mit dem Rad.

Jeremy Deller in einem Kleingarten in Münster vor seiner kulturanthropologischen Arbeit „Speak to the Earth and it will tell you (2007-2017)“.

Quelle: Friso Gentsch

Münster. Wandeln über Wasser wie Jesus, eine Schrebergartenkolonie erforschen oder das Handy am Lagerfeuer aufladen - das alles ist Kunst. Die Skulptur Projekte in Münster, der kleine Konkurrent der documenta in Kassel, messen alle zehn Jahre den Puls der internationalen Kunst.

Die fünfte Auflage der 1977 gegründeten Freiluftausstellung lässt Werke von 35 Künstler buchstäblich mit der idyllischen Uni-Stadt verschmelzen.

Die erste Erkenntnis ist: Die herkömmliche Vorstellung von Skulptur als greifbarem Kunstobjekt führt völlig in die Irre. 40 Jahre nach den ersten Skulptur Projekten hat sich der Kunstbegriff im 21. Jahrhundert erweitert - und wird in Frage gestellt. Die zweite Erkenntnis: Die Skulptur Projekte sind eine Schön-Wetter-Schau, die man möglichst mit dem Fahrrad, aber nicht im strömenden Regen erkunden sollte.

Gerade noch radelt man an hoppelnden Kaninchen im Park vorbei und steht dann vor einer verlassenen Eissporthalle. Der französische Starkünstler Pierre Huyghes hat über Wochen den Boden abtragen lassen und eine metertiefe Mondlandschaft aus lehmigen Erdhügeln und Wasserpfützen dort entstehen lassen, wo einst Eisläufer Pirouetten drehten. Das wüste Gelände wird bewohnt von Pfauen, Bienen in skulpturartigen Bienenstöcken, Fischen und Krebszellen in Aquarien - und man fragt sich, ob das Tierquälerei ist und wo die Blumen für die Bienen sind. Aber auch die komplexen Biotop-Systeme von Huyghes sind im weitesten Sinn Skulptur.

Tief in das Sozialgefüge einer Kleingartenkolonie taucht der britische Künstler Jeremy Deller im Schrebergartenverein „Mühlenfeld“ ein. Zwischen akkurat geschnittenen Rasenflächen und einer bunten Blumenpracht hat sich Deller in einer schwer zu findenden Gartenlaube eingenistet. Zehn Jahre lang ließ Deller Schrebergärtner Tagebücher führen. 26 dicke Bände mit Fotos von Festen und Blumenkohl, Herbarien und Berichten über den Alltag in der Kolonie legt Deller nun vor: eine faszinierende Dokumentation der in Deutschland so typischen Kleingartenkultur. „In Großbritannien gibt es das nicht“, sagt der Konzeptkünstler. „Deshalb finde ich das so spannend.“

Die Skulptur Projekte in der westfälischen Provinz ziehen inzwischen ebenso das internationale Publikum an wie das Groß-Event documenta. Die Macher sind sogar so selbstbewusst, die Eröffnung in Münster am Samstag zeitgleich zur documenta-Eröffnung zu legen. Erwartet werden in Münster bis 1. Oktober rund eine halbe Million Kunstinteressierte.

Gewisse Tendenzen sind in Münster und Kassel ähnlich. Etwa die boomende Performance oder die Erweiterung des Ausstellungsraums auf andere Städte. Die Ruhrgebietsstadt Marl mit ihrer Beton-Nachkriegsarchitektur ist 2017 der Trabant der Skulptur Projekte.

Performance und Kunst zum Mitmachen boomt in Münster allerorts. Die Istanbuler Künstlerin Ayse Erkmen lässt Besucher im Binnenhafen wie Jesus über Wasser laufen. Dafür hat sie knapp unter der Wasseroberfläche einen Steg aus Metallgittern gebaut. 64 Meter lang ist der Weg von Ufer zu Ufer, den man im knöcheltiefen Wasser watet. Das hat eher Abenteuer-Flair als künstlerische Tiefe. Auch über den tieferen Sinn des Tattoo-Studios für Senioren von Michael Smith lässt sich sicher streiten. Wobei hier der Begriff Körperkunst nahe liegt.

Die rumänische Künstlerin Alexandra Pirici lässt im Saal des Westfälischen Friedens im Rathaus Performer einen Kollektivkörper formen. Die Argentinierin Mika Rottenberg hat einen verlassenen Asia-Laden mit Lamettabergen und Plastikspielzeug zum Kunstort gemacht. Raumkünstler Gregor Schneider verstört mit einer in das LWL- Museum eingebauten Wohnung, in der sich der Besucher auf unheimliche Weise beobachtet fühlt. Klingeln bitte bei „N. Schmidt“, Pferdegasse 19.

Einen denkwürdigen Beitrag zum digitalen Zeitalter leistet der Bremer Künstler Aram Bartholl mit seiner Handy-Ladestation am Lagerfeuer. Ein Generator wird in einer Pfanne über dem offenen Feuer erhitzt. Der dadurch erzeugte Strom wird über ein Kabel in ein Netzteil geleitet, an das man das Handy anschließt.

Auch wenn mal eine wirkliche Skulptur zu sehen ist, geht es nicht klassisch zu: Nicole Eisenmans Brunnenensemble aus fünf unförmigen Bronze- und Gipsfiguren mit klobigen Füßen ironisiert die antike Skulptur-Ästhetik. Eisenmans Figuren chillen mit der Cola-Dose.

dpa

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