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Dercons Schauspiel-Premiere: Syrerinnen spielen „Iphigenie“

Berliner Volksbühne Dercons Schauspiel-Premiere: Syrerinnen spielen „Iphigenie“

Die Besetzung des Theaters ist gerade glimpflich zu Ende gegangen. Jetzt zeigt die Berliner Volksbühne ihre erste Schauspiel-Premiere: Auf der Bühnen stehen junge syrische Flüchtlingsfrauen.

Wie in einer Castingshow - gesucht wird eine „Iphigenie“.

Quelle: Jörg Carstensen

Berlin. Ein Stuhl, eine Kamera und eine riesige Videoleinwand. Neun junge Frauen nehmen nacheinander Platz, um sich für die Rolle der „Iphigenie“ zu bewerben.

Die syrischen Theatermacher Mohammad Al Attar und Omar Abusaada inszenieren den antiken Euripides-Stoff als Vorsprechen - mit Syrerinnen, die aus ihrer Heimat nach Deutschland geflüchtet sind.

Dieses besondere, mit Laiendarstellerinnen auf die Bühne gebrachte Stück ist die erste Schauspiel-Premiere der Berliner Volksbühne unter ihrem neuen Intendanten Chris Dercon. Zwei Tage nach Ende der Besetzung des Theaters durch Politaktivsten wurde die „Iphigenie“-Adaption am Samstagabend uraufgeführt.

Gespielt wurde allerdings nicht im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz, sondern in einem Hangar auf dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof. Dort hatten der Belgier Dercon und sein Team vor drei Wochen die Spielzeit mit dem zehnstündigen Tanzspektakel „Fous de Danse - Verrückt nach Tanz“ gestartet.

Auf dem Gelände in Tempelhof leben immer noch rund 200 Geflüchtete. Wo schon lange keine Flugzeuge mehr landen, geht es an diesem Abend um das Ankommen - in Deutschland, aber vor allem bei sich selbst. Auf der Bühne treten „Iphigenie“-Bewerberinnen zwischen 17 und 29 Jahren auf. Der in Berlin lebende Dramatiker Mohammad Al Attar und der Regisseur Omar Abusaada aus Damaskus spiegeln das antike Drama in Szenen, in denen die Darstellerinnen über ihre Motivation für das Theaterspielen sprechen.

Dabei geben die Figuren viel von sich preis. Es geht um die Einsamkeit und die Verlorenheit, unter der viele der jungen Frauen seit ihrer Ankunft in Deutschland leiden. Es geht um die Frage, wie viel man bereit ist, zu opfern - am Beispiel von Iphigenie, die für ihren in den Krieg ziehenden Vater den Opfertod sterben soll. Und immer wieder kreisen die Gespräche um gescheiterte Liebesbeziehungen und strenge Väter.

Die Erlebnisse von Krieg und Flucht schwingen immer mit. Jetzt wollen die Frauen aber vor allem eins: In die Zukunft blicken. Besonders stark sind die wenigen Szenen, in denen der „echte“ Euripides-Text zitiert wird. „Die Idee, aktuelle Themen mit Elementen antiker Dramen zu verknüpfen, entstand ein Jahr, nachdem aus der Revolution in Syrien ein Krieg wurde“, sagt Omar Abusaada. „Erst da begann ich, die alten Tragödien besser zu verstehen“, so der Regisseur.

Und der Dramatiker Mohammad Al Attar meint: „Theater ist ein Instrument der Selbstverteidigung und mein Mittel, angesichts des umfassenden Mangels an Gerechtigkeit in Syrien und anderswo, nicht in Depression zu verfallen.“ Theater sei „einer der wenigen Räume, in denen eine ehrliche Reflexion über die Welt und das Austauschen von und Anteilnehmen an Erfahrungen möglich ist.“

Im Theater könnte man den Zuschauer dazu bringen, „über die herrschenden Erzählstrukturen der Massenmedien hinauszudenken“. Die beiden Theatermacher schließen mit der Berliner Produktion ihre Antiken-Trilogie ab - nach „Die Troerinnen“ in Jordanien und   „Antigone“ im Libanon.

Gespielt wurde bei ihrer „Iphigenie“-Inszenierung auf Arabisch mit deutschen und englischen Übertiteln. Wegen eines Ausfalls der Übertitel musste allerdings zwischendurch eine kurze Pause eingelegt werden, bis die Technik wieder funktionierte. Das Publikum feierte die Schauspielerinnen am Ende mit viel Applaus.

dpa

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