Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Rest der Welt Die Erfindung des Kalenders: Darum messen wir die Zeit
Nachrichten Kultur Kultur im Rest der Welt Die Erfindung des Kalenders: Darum messen wir die Zeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:03 31.12.2018
Ein bronzezeitlicher Kalender: Die Schöpfer der Himmelsscheibe von Nebra, wussten, wie sie Sonnen- und Mondzyklus synchronisieren mussten, um das landwirtschaftliche Jahr auf den Tag genau zu berechnen. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa
Hannover

Am Morgen geht immer derselbe Blick aus dem Küchenfenster: das Hochhaus, der Himmel und die aufgehende Sonne. Und gleichzeitig ist es nicht derselbe Blick. Denn die Sonne wandert: Klebte sie im Oktober morgens noch links am Hochhaus, traut sie sich nun beim Kaffee vor Arbeitsbeginn nur gerade so über den Horizont – viel weiter rechts, hinten bei den kahlen Bäumen. Der Stand der Sonne ist eins der deutlichsten Anzeichen für das Verstreichen der Stunden. Jetzt zum Jahreswechsel, wenn die Menschen nach einem Kalender für 2019 suchen, ist es an der Zeit darüber nachzudenken, wie die Menschen sich die Zeit erschließen.

Während sich heute der Blick nach unten richtet auf die Armbanduhr oder das Handy, musste man früher den Himmel um Rat fragen. „Das erste Instrument zur Zeitmessung war wahrscheinlich die Sonnenuhr“, erklärt Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin.

Zeitmessung – eine Frage des Überlebens

Bronzezeitliche Kalender zeichnen sich durch die symbolische Darstellung von Himmelskörpern aus - wie bei den Goldhüten aus der Bronzezeit, spitzen Hüten, übersät mit Sonnen- und Mondsymbolen, oder der Himmelsscheibe von Nebra, die das Sonnen- und Mondjahr in Einklang bringt.

Mehr zum Thema: „Bewegte Zeiten“: Ausstellung zeigt in Berlin die spektakulärsten Funde der Archäologie

In Mesopotamien stand der Himmel immer im Kontext des Göttlichen – und so auch die Zeitmessung, die mit Macht verbunden war. Denn wer den Lauf der Sterne und die Aufteilung von Jahr und Monat verstand, hatte die Legitimation der himmlischen Götter. Auch ging die mesopotamische Mythologie davon aus, dass der Gott Marduk das Sonnenjahr ursprünglich in 360 Tage eingeteilt und dem Mond exakt 30 Tage für die Erdumrundung gegeben hatte. Das Universum war laut den alten Geschichten aus den Fugen geraten, und deswegen liefen Sonne und Mond nicht mehr synchron.

Die einfachste Stundenmessung: die Sonnenuhr. Hier wurde eine Sonneuhr gut sichtbar im antiken Pompeji nahe Neapel platziert. Quelle: A. Engelhardt/dpa

Sonnenjahr vs. Mondzyklus – ist das Universum aus den Fugen geraten?

Die Griechen machten sich in der Antike ebenfalls ans Messen der Stunden. Vor Gericht verwendeten sie beispielsweise Wasseruhren, um die Redezeit der Beteiligten zu begrenzen. Das gemeinsame Verständnis, dass eine Uhr die verstrichene Zeit misst, wurde zur Verabredung zwischen der Gesellschaft und dem Individuum. Durch Kalender und Uhr gibt es eine öffentliche Zeitmessung, einen Takt, den eine komplexe Gesellschaft zur Synchronisierung braucht.

Noch in der Renaissance stand die Zeitmessung in strengem Verhältnis zum Sonnenlicht: „Die Stunden richteten sich nach der Lichtdauer“, erklärt Wemhoff. Zwar habe es die Einteilung von zwölf Stunden bereits gegeben, doch konnte eine Stunde länger oder kürzer sein, je nachdem, wie lange die Sonne am Tag überhaupt am Himmel war.

Industrialisierung: Immer exaktere Zeitmessung

Mit der Industrialisierung wurde die Arbeit in den Dienst der Zeit gestellt. Es zählte, wie lang ein Arbeiter in der Fabrik stand, und weniger, wie viel er schaffen konnte. „Im Verlauf der Geschichte zeigt sich: Es wurden immer effizientere Methoden gewählt, um die Zeit zu messen und ihren Verlauf zu kontrollieren“, sagt Wemhoff. Im Zuge der Industrialisierung musste die Zeit in immer kleinere Abschnitte eingeteilt werden können, damit beispielsweise bei der Warenproduktion kein Chaos entstand. Heute verständigt sich eine Gesellschaft wie selbstverständlich auf eine Uhrzeit – wer zu spät kommt, den bestraft sprichwörtlich das Leben.

Wo ist hier die Anzeige? 2015 wurde das Jahr um eine Sekunde verlängert. Mit solchen Schaltsekunden wird kompensiert, dass die Erde für eine Umdrehung ein kleines bisschen länger braucht als 24 Stunden Atomuhrzeit, die die Atomuhr CS2 in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig misst. Quelle: Felix Heyder/dpa

Auch wenn wir die dunklen Stunden zusätzlich zu den hellen nutzbar gemacht haben, ist Zeitmangel ein Modewort. Der Kalender ist ein Automatismus des Alltags, der nur bei einem mehrwöchigen Urlaub an Unschärfe gewinnt.

„Heute machen wir unser Ding das ganze Jahr durch“, sagt Wemhoff. Doch schon in der Bronzezeit gab es die Vorstellung, dass Mikro- und Makrokosmos zusammenhängen, dass sich der Lauf der Gestirne im Himmel auch auf der Erde widerspiegelt. Der moderne Mensch aber hat sich neben den Sternen sein eigenes Licht geschaffen, das nun die Nacht erhellt – und damit seine eigene Zeitrechnung.

Von Geraldine Oetken / RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Van Gogh, Van Dyck und der King of Pop: Das Ausstellungsjahr 2019 verspricht manches Highlight.

30.12.2018

Seine Hits kennt wohl fast jeder – von „Killing Me Softly with His Song“ bis „The Girl from Ipanema“. Nun ist der Songschreiber Norman Gimbel gestorben.

29.12.2018

Der Song „Zu Asche, zu Staub“ läuft in jedem Radio, auf Partys trägt man die Hängekleidchen der Zwanzigerjahre, Tanzschulen lehren wieder Charleston. Durch die Serie „Babylon Berlin“ ist 2018 die Weimarer Republik wieder allgegenwärtig.

29.12.2018