Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Rest der Welt Ein Gerhard Richter für 180 Mark? Viel zu teuer...
Nachrichten Kultur Kultur im Rest der Welt Ein Gerhard Richter für 180 Mark? Viel zu teuer...
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:12 13.06.2017
„Großer Vorhang“ von Gerhard Richter. Quelle: Oliver Berg
Anzeige
Bonn

Abends vor dem Schlafengehen blättert Gerhard Richter (85) gern in einem opulenten Bildband mit dem Gesamtwerk von Johannes Vermeer (1632-1675).

„Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, „Die Briefleserin“, „Ansicht von Delft“... Richter schwärmt für Vermeer. Und nicht selten bezieht er sich auf ihn. Das sieht man jetzt wieder in einer Ausstellung im Kunstmuseum Bonn.

In seinem klassischen Werk „Die Malkunst“ gewährt Vermeer hinter einem zurückgeschlagenen Vorhang Einblick in ein Künstleratelier. Dieser Vorhang-Effekt findet sich in der Malerei quer durch die Jahrhunderte. Auch Richter hat zu Beginn seiner Laufbahn in den 60er Jahren mehrere Vorhang-Bilder gemalt. Zusammen mit Türen und Fenstern bilden sie den Schwerpunkt der Bonner Ausstellung „Über Malen - Frühe Bilder“ (15.6.-1.10.). Nur 25 Werke sind zu sehen, alle aus Richters Frühzeit. Aber gerade durch diese Beschränkung kann man gut erkennen, was denn nun das Besondere an Richters Werk ist.

Was sofort auffällt: Von Anfang an stehen gegenständliche Bilder neben abstrakten. In den 60er Jahren war das eher ungewöhnlich - Vertreter beider Richtungen lagen miteinander im Clinch. Vor allem gegenständliche Malerei schien am Ende. Richter kümmerte das aber nicht. Sein großer Kunstgriff: Er belebte die schon totgesagte Malerei wieder, indem er alle klassischen Genres wie Porträt, Landschaft, Historienbild und Stillleben erneut aufgriff. Nur ganz anders als vorher.

In Bonn ist es der Vorhang aus der Barockzeit - Vermeers Vorhang! - der plötzlich wieder da ist. Aber bei Richter enthüllt er nichts. Er bleibt geschlossen. Ebenso wie die zu dieser Zeit von ihm gemalten Türen ins Nichts führen und seine Fenster keine Landschaft rahmen. Man hat zwar den Durchblick, aber man sieht nichts. Auf diese Weise hat Richter das altmodische Medium Bild wieder interessant gemacht. „Richter hat den Zweifel ins Bild gemalt“, sagt Museumsdirektor Stephan Berg. Es gibt zwar eine Welt da draußen, aber ob die Kunst irgendetwas dazu beitragen kann, sie zu verstehen - das glaubt der skeptische Richter eher nicht.

Manche Bilder haben Spezial-Effekte, so dass man im ersten Moment denkt: Seh' ich jetzt richtig oder ist es gestern Abend doch etwas spät geworden? Ein Vorhang flimmert so heftig, dass man nach einiger Zeit unwillkürlich wegguckt. Das Auge wird durch die Struktur überfordert. Solche optischen Spielereien waren in den 60er Jahren sehr trendy. Sie bildeten sogar eine eigene Stil-Richtung, die Op-Art. So macht die Bonner Ausstellung nebenher deutlich, dass Gerhard der Große auch immer ein Kind seiner Zeit war und herrschende Moden des Kunstbetriebs mitunter willig aufnahm.

Heute denkt man beim Namen Richter unwillkürlich an das ganz große Geld. Die in Bonn ausgestellten Werke stammen noch aus einer Zeit, als sein Name nur Kennern etwas sagte. Der Zuwanderer aus Dresden war in Düsseldorf knapp bei Kasse und baute nebenher Karnevalsfiguren. Einen „Kleinen Vorhang“ von ihm hätte man 1965 in einer Hannoveraner Galerie für 180 Mark erstehen können. Das Bild fand aber - ebenso wie alle anderen angebotenen Werke von Richter - keinen Käufer.

Die Ausstellung „Gerhard Richter: Über Malen - Frühe Bilder“ läuft vom 15. Juni bis zum 1. Oktober. Anschließend wandert sie weiter ins Stedelijk Museum voor Actuele Kunst in Gent (Belgien) und dann im nächsten Jahr ins Museum Wiesbaden. In Bonn ist die Ausstellung geöffnet dienstags bis sonntags von 11.00 bis 18.00 Uhr, mittwochs bis 21.00 Uhr. Eintritt 7 Euro, ermäßigt 3,50 Euro. Zu der Ausstellung erscheint ein Katalog im Hirmer-Verlag.

dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Auf der Bühne zieht Beth Ditto eine explosive Show ab, in ihrer Freizeit geht sie aber eher einer meditativen Beschäftigung nach.

13.06.2017

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood erhält den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die 77-Jährige gehöre zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit und beweise in ihrem Werk „immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen“.

13.06.2017
Kultur im Rest der Welt Pop: Dan Auerbachs Soloalbum „Waiting on a Song“ - Der Bluesmann der Black Keys macht jetzt Pop

So ein Album hatte man nicht von dem Indieblues-Boss aus Akron/Ohio erwartet. Dan Auerbach, Gitarrist und Sänger des Duos „The Black Keys“ macht auf seinem zweiten Soloalbum „Waiting on a Song“ Pop, Soul und Folk, wie er in den Sixties und frühen Seventies klang. Das ist zauberhaft leichte Musik für den Sommer, missfällt aber Teilen der alten Fangemeinde.

13.06.2017
Anzeige