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Kultur im Rest der Welt Erste historisch-kritische Ausgabe des „Faust“ erscheint
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17:01 26.10.2018
Historische „Faust"-Aufführung mit Will Quadflieg und Gustav Gründgens. Quelle: Gustav Gründgens- Faust in Bildern" von Rosemarie Clausen, Georg Westermann Verlag, Braunschweig
Göttingen

Goethes „Faust“ gehört bis heute zur Pflichtlektüre im Schulunterricht und steht wie kein anderes für den klassischen deutschen Kanon. Da überrascht es, dass es bislang keine historisch-kritische Ausgabe gab. Der Göttinger Wallstein-Verlag hat diese Lücke nun geschlossen.

Bis heute orientiert sich die „Faust“-Forschung an der Edition, die der Literaturwissenschaftler Erich Schmidt 50 Jahre nach dem Tod Goethes im Jahr 1832 aus den Handschriften zusammenstellte. Diese bestanden teilweise nur aus Schnipseln, die der Dichter in Papiersäcke zu stecken pflegte. Der Wallstein-Verleger Thedel von Wallmoden erklärt: „Schmidt musste Entscheidungen treffen, zum Beispiel, was Schreibweisen anbelangt. Er hat sehr gute Entscheidungen gefällt. Aber bei solch einem bedeutenden Werk lohnt es sich, auf die Handschriften zurückzugehen und die verschiedenen Optionen aufzuzeigen.“

Faust-Ausgabe legt verschiedene Varianten des Textes offen

So kann man etwa nachlesen, dass es in manchen Fassungen „Wenn der Blüten Frühlings-Regen“ heißt, manchmal aber auch „Blüthen“. Die Varianten sind auch auf den langen Entstehungszeitraum des „Faust“ zurückzuführen: Goethe hat 60 Jahre seines Lebens mit dem Stoff verbracht. Den ersten Teil schrieb er in seinen Jugendjahren in Frankfurt, den zweiten Teil kurz vor seinem Tod.

380 Seiten aus „Faust2“ wurden transkribiert

Die neue Ausgabe des Wallstein Verlags hat nun 380 Handschriftenseiten aus „Faust 2“ faksimiliert und zugleich transkribiert – in zwei Bänden, sodass man direkt vergleichen kann. Zudem ist ein neuer Lesetext beider Teile der Teufelspaktgeschichte erstellt worden, der jegliche Zeichensetzungen oder Vereinheitlichung von Schreibweisen zurücknimmt und auf den Basistext zurückgeht. Ein Ur-„Faust“ der ganz anderen Art. Der Preis von 224 Euro ist für das „Faust“-Konvolut vergleichsweise günstig.

„Wunderschutz“ statt „Wunderschatz“

Die Edition offenbart neue Details über die Teufelspaktgeschichte. So war ein Zauberweinkelch bislang als „Wunderschatz“ bekannt, Goethe meinte aber wohl „Wunderschutz“. Auch die erste Begegnung zwischen Faust und Mephisto erscheint jetzt in einem etwas anderen Licht. In allen bisherigen Ausgaben hatte Faust gesagt „Damals schien er zwar gewandt, / Als ich ihn noch nicht verstand.“ Diese Änderung wurde aber wohl posthum vorgenommen. Goethe hatte gedichtet: „Damals war er schon gewandt, / Ob ich gleich ihn nicht verstand.“ Das bisherige Fehlen einer historisch-kritischen Ausgabe hatte der Göttinger Germanist Albrecht Schöne in seiner kommentierten Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag (1994) als Schande bezeichnet. Die Wallstein-Edition dürfte zum Standardwerk für die literatur-historische Grundlagenforschung werden.

Faust-Edition Quelle: Wallstein

Parallel zur Buchausgabe wird die Faust-Edition frei zugänglich ins Internet gestellt. Möglich macht dies eine Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Von Wallmoden will nun nach Sponsoren suchen, um auch für die Kafka-Faksimile-Ausgabe eine Internetausgabe zu realisieren. Die Reihe hatte Wallstein übernommen, nachdem der bisherige Verlag Stroemfeld Insolvenz angemeldet hatte. Ein Grund dafür war, dass es für die von einem Abo-System getragene Kafka-Edition zuletzt nur noch 400 Abnehmer gab. Sieben Teile stehen noch aus, als Nächstes sollen die Tagebücher erscheinen. Dabei hätte es eine gewisse Stringenz gehabt, wenn die Ausgabe unvollendet geblieben wäre – so wie sämtliche Romane Kafkas.

Penibel eingescannte Seiten

„Wir sollten uns nicht auf Max Brod verlassen müssen“, erklärt von Wallmoden seine Motivation. Brod setzte sich nach dem Tod seines Freundes über Kafkas Wunsch hinweg, dessen Schriften zu verbrennen. Stattdessen redigierte Brod die Texte aus den Oktavheften des Dichters und legte eine Reihenfolge fest. Die Fassungen von „Der Prozess“ und „Das Schloss“ sind heute so, wie Brod sie sich zurechtlegte. Dabei hatte der Prager Dichter keine letztgültigen Ausgaben seiner Werke hinterlassen.

Deshalb kommt der in den Neunzigerjahren begonnenen Faksimile-Ausgabe von Roland Reuß und Peter Stängle eine große Bedeutung zu: Die penibel eingescannten Seiten, durch die selbst die Rückseiten wie beim Original durchschimmern, legen den Fragmentcharakter des Werks offen. Während Druckfassungen vorgeben, linear und bruchlos zu sein, bildet das Faksimile den Entstehungsprozess ab, inklusive Streichungen. Hier wird deutlich, dass Kafkas Texte der Architektur des Schlosses entsprechen, die er im gleichnamigen Roman beschreibt: Labyrinthe aus verwinkelten Gebäudeteilen, die kein Ganzes bilden.

Das Faksimile-Verfahren war beim Start 1995 revolutionär

Als das Projekt 1995 startete, war das Verfahren revolutionär. Auch mit historisch-kritischen Ausgaben von Hölderlin und Kleist hat der Stroemfeld-Verlag Editionsgeschichte geschrieben. Doch gibt es im Digitalzeitalter nicht leichtere Wege, um den Fetischismus des Authentischen zu befriedigen? Die Handschriften von Joseph Roth etwa sind im Netz frei zugänglich. Der Wallstein-Verlag verbindet Editionstradition mit digitalem Anspruch – das zeigt die Onlineversion der Faust-Ausgabe.

Ausschnitt aus der Faksimile-Ausgabe von „Das Schloss“. Quelle: 2018 (c) The Bodleian Library, University of Oxford.

Von Nina May/RND

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