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Kultur im Rest der Welt „A Beautiful Day“: Der Mann mit dem Hammer
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06:02 25.04.2018
Rette sie, wer kann: Joe (Joaquin Phoenix) bringt Nina (Ekaterina Samsonov) in Sicherheit. Quelle: Foto: Constantin
Hannover

Joe ist Stammkunde im Baumarkt. Am liebsten kauft er Hämmer. Aber Joe ist kein begeisterter Handwerker. Er ist ein bezahlter Killer – und zugleich ein guter Mensch, falls das denn möglich ist bei dieser Profession. Seine Spezialität: Joe befreit im Auftrag einer Detektei Mädchen und Jungs aus den Händen von Kinderhändlern. Er macht das wie in Trance, schiebt seinen massigen Körper durch die Nacht, betritt ganz ruhig die zumeist schäbigen Etablissements und schlägt dann kurz und kräftig mit seinem Hammer bei jedem zu, der sich ihm in den Weg stellt. Joe ist ein Totschläger.

Joaquin Phoenix erhielt in Cannes den Darstellerpreis

Zwangsläufig ist „A Beautiful Day“ ein brutaler Film und eine heftige Seherfahrung. Aber wer die Augen nicht vor dem Entsetzlichen schließt, stellt fest, dass er mehr schlussfolgert, als er sieht. Die Eruptionen der Gewalt finden zumeist außerhalb des Blickfelds statt. Oder die Kamera ist erst dann zur Stelle, wenn der Gegner schon blutüberströmt am Boden liegt.

Dem auf brutale Szenen konditionierten Zuschauerhirn wird der gewohnte Suchtstoff verweigert. Erwartungshaltungen werden geschickt ausgehebelt. Vieles läuft hier nur suggestiv ab. Und dann kippt auch noch mancher Moment ins Surreale.

Mehr als die Taten interessiert die schottische Regisseurin Lynne Ramsey der Täter – und der wird gespielt von Joaquin Phoenix („Walk the Line“), der für diese Rolle im Vorjahr beim Festival von Cannes den Darstellerpreis erhielt. Für Ramsey gab es den Drehbuchpreis obendrauf.

Regisseurin Lynne Ramsey ist in Bestform

Um einen handelsüblichen Actionfilm mit dem Ziel Familienrettung nach der Art, wie wir sie mit Liam Neeson („96 Hours“) kennen, handelt es sich hier folglich nicht. Ramsey, die ehemalige Fotografin, spielt kunstvoll mit Genre-Versatzstücken. Zuvor hat sie den beunruhigenden Film „We Need to Talk About Kevin“ über einen amoklaufenden Sohn und die Schuldgefühle seiner Mutter (Tilda Swinton) gedreht.

Danach kam es zu Disputen beim Natalie-Portman-Western „Jane Got a Gun“, und die Regisseurin machte in letzter Sekunde einen Rückzieher von dem Projekt. Nun ist Ramsey wieder in Bestform zur Stelle und reduziert die Handlung auf das nötige Minimum.

Die Geschichte geht so: Joe soll das Mädchen Nina (Ekaterina Samsonov), die Tochter eines wahlkämpfenden Senators (Alex Manette), aus einem New Yorker Pädophilenring befreien. „Ich möchte, dass Sie diesen Leuten wehtun“, sagt der Senator. Kein Problem für Joe. Und doch läuft der Job fürchterlich aus dem Ruder.

Joe ist Kriegsveteran, er war mal FBI-Agent. Sein Körper ist übersät mit Narben. Vor allem aber ist Joe ein psychisches Wrack. Immer wieder mal zieht er sich eine Plastiktüte über den Kopf, um sich zu beruhigen. Tabletten gehören zu seinen Grundnahrungsmitteln.

Ein Mann sehnt sich nach dem Rest Unschuld

Von seiner Lebensgeschichte erfahren wir nur in kurzen, flüchtigen, manchmal auch rätselhaften Rückblenden wie bei einem Puzzlespiel. Zum Beispiel gibt es eine Szene, in der er in einem Kriegsgebiet irgendwo im Nahen Osten einem Mädchen einen Schokoriegel schenkt und dieses Mädchen Sekunden später wegen ebenjenes Schokoriegels von einem Jungen erschossen wird.

Oder er erinnert sich, wie er als Polizist in einem Lastwagen erstickte Menschen findet. In seiner Kindheit muss Joe selbst traumatische Erfahrungen mit dem Vater gemacht haben. Heute lebt er mit seiner alten und kranken Mutter (Judith Roberts) zusammen. Um sie kümmert er sich liebevoll. Er ist ein Psycho, aber keiner wie in Hitchcocks gleichnamigem Film „Psycho“.

„A Beautiful Day“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der an der Brutalität und dem Wahnsinn der Welt beinahe erstickt und sich nach einem letzten Rest Unschuld sehnt, die er längst verloren hat. Es gab schon einige ähnliche Exemplare in der Kinogeschichte, die es zu großer Berühmtheit gebracht haben. Der eine war Travis Bickle (Robert De Niro) in „Taxi Driver“, der die jugendliche Prostituierte Iris (Jodie Foster) rettet. Der andere war „Léon – Der Profi“ (Jean Reno), der sich der misshandelten Mathilda (Natalie Portman) annimmt. Und nun sind da Nina und Joe.

Joe umweht etwas Geisterhaftes

„You Were Never Really Here“ heißt der Film im Original nach der Buchvorlage von Jonathan Ames – und da ist etwas dran: Manchmal scheint der Mann mit dem Zauselvollbart regelrecht von der Bildfläche zu verschwinden. Eben war er noch da, plötzlich hat ihn die Dunkelheit wieder verschluckt. Joe umweht etwas Geisterhaftes.

Das übliche Actionkino hat den Zusammenhang von Gewalt und Schmerz in digitalen Zeiten aus seinem Gedächtnis gelöscht. Jede Schlägerei lässt sich am Computer choreografieren, ohne dass noch eine Anbindung an die Wirklichkeit nötig wäre. In „A Beautiful Day“ dagegen spürt man den Schmerz, den Joe mit sich herumträgt – auch wenn es sich bei ihm eher um einen inneren Zustand handelt. Mag sein, dass Joe Kinder aus den Fängen des Bösen retten kann. Ihn selbst kann niemand erlösen.

Von Stefan Stosch/RND

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