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„Alles Geld der Welt“: Reichsein macht nicht glücklich

Kino „Alles Geld der Welt“: Reichsein macht nicht glücklich

Kevin Spacey raus, Christopher Plummer rein: Ridley Scott hat sein Entführungsdrama „Alles Geld der Welt“ (Kinostart: 15. Februar) in letzter Minute umbesetzt – der „MeToo“-Debatte ist er trotzdem nicht entkommen.

Christopher Plummer (left) and Mark Wahlberg star in TriStar Pictures' ALL THE MONEY IN THE WORLD. Alles Geld der Welt

Quelle: Giles Keyte

Hannover. Fast möchte man in den Bildern dieses Entführungsdramas nach Nähten oder nach einem Klebestreifen suchen. „Alles Geld der Welt“ ist schließlich der Film, aus dem „House of Cards“-Star Kevin Spacey nachträglich herausgeschnitten wurde. Als die sexuellen Übergriffe des bis dahin hofierten Stars ans Licht kamen, trommelte Regisseur Ridley Scott im November 2017 in einer Hauruck-Aktion seine wichtigsten Darsteller noch einmal zusammen und drehte die Spacey-Szenen mit Christopher Plummer in Rekordzeit neu. Scott („Alien“, der Original-„Blade Runner“, „Gladiator“, „Der Marsianer“) befürchtete, dass das in „MeToo“-Zeiten empfindlicher gewordene Publikum sein Werk sabotieren könne.

Das härteste Herz der Welt

Es waren ziemlich viele Szenen, die der Schere zum Opfer fielen, wie nun deutlich wird: Hollywood-Haudegen Plummer gibt den Patriarchen J. Paul Getty, der wie Donald Duck oder – besser noch: wie Charles Dickens‘ Scrooge – auf seinem Vermögen hockt und zu geizig ist, um die für ihn lächerliche Summe von 17 Millionen Dollar Lösegeld für seinen in die kalabrischen Bergen entführten Enkel herauszurücken.

„Ich habe 14 Enkelkinder“, erklärt der Milliardär in Journalistenkameras. „Wenn ich nur einen Penny zahle, werde ich bald 14 entführte Enkel haben.“ Genau das hat der echte Getty, 1973 der reichste Mann der Welt, in Interviews gesagt und sich fortan wieder um Aktienkurse statt um das Leben seines 16-jährigen Enkels gekümmert.

Plummers Getty ist eine diabolische Gestalt

Plummer macht seine Sache so gut, dass er im Januar den Golden Globe gewann und nun auch für den Oscar nominiert ist. Sein Ölmagnat und Kunstsammler ist der Dreh- und Angelpunkt: eine diabolische Gestalt ohne jegliches Unrechtsbewusstsein, die kostbare Jesus-Gemälde mehr liebt als den eigenen Enkelsohn. Man erschrickt vor diesem Geizkragen, aber gleichzeitig bemitleidet man ihn beinahe in seiner Einsamkeit.

An schönen Dingen hat Getty mehr Freude als an all den menschlichen „Parasiten“, die nach seinen Erfahrungen allein auf sein Geld aus sind. Damit Besucher auf seinem Landsitz in England nicht auf seine Kosten telefonieren, hat er einen Münzfernsprecher installieren lassen. So sieht man’s im Film, und so verhielt es sich in der Wirklichkeit.

Ein Ohr für den verblendeten Großvater

Regisseur Scott konzentriert sich aber nicht auf diese faszinierende Figur, die beispielhaft dafür steht, was Gier mit einem Menschen machen kann: Genauso erzählt der Regisseur von Pauls Martyrium und vor allem von dessen verzweifelter Mutter Gail (Michelle Williams), die als verstoßene Ex-Schwiegertochter keinen Zugang zum Patriarchen hat. Ihr zur Seite steht Gettys Sicherheitsberater Fletcher Chace (Mark Wahlberg), der bald schon hin- und hergerissen ist in seiner Loyalität zur tapfer um das Leben ihres Sohnes kämpfenden Gail und seinem Arbeitgeber. Gail hat seine Sympathie, aber der alte Getty zahlt ihm das Gehalt.

Wer aber nun einen echten Thriller erwartet, wird enttäuscht. Weil wir den Ausgang der Geschichte kennen, wird der Film zu einer mitunter so zähen Angelegenheit, wie es wohl auch die sich damals über fünf Monate hinziehende Entführung war.

Die beklemmendste Szene: Enkel Paul wird das Ohr abgeschnitten. Da ist das Entführungsopfer aber schon von den kalabrischen Viehhirten an die Mafia verkauft worden (wer mehr über die Hintergründe der damals zahlreichen Entführungen in Süditalien erfahren will, dem sei der Roman „Schwarze Seelen“ von Gioacchino Criaco, erschienen im Folio Verlag, empfohlen).

Bezahlt Ridley Scott Männer besser als Frauen?

Vielleicht gibt es ja irgendwann eine DVD von diesem Film, in der im Bonusmaterial auch die Szenen mit dem hinter einer dicken Maske verschwundenen Spacey wieder auftauchen (die im ersten Trailern zu sehen waren).

Das wäre nur konsequent, denn zwischenzeitlich ist „Alles Geld der Welt“ doch wieder in die schwelende Debatte um die Ungleichbehandlung von Frauen in Hollywood hineingeschliddert: Darsteller Wahlberg soll für den Nachdreh 1,5 Millionen Dollar kassiert haben, Williams gerade einmal 1000 Dollar. Die Empörung in Hollywood war groß.

Mittlerweile hat Wahlberg seine komplette Gage dem Hilfsfonds „Time’s Up“ zukommen lassen. Er weiß schließlich, dass Geld nicht glücklich macht.

Von Stefan Stosch / RND

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