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„Floating Piers“: Christo verzaubert den Iseo-See

Sulzano „Floating Piers“: Christo verzaubert den Iseo-See

Schon vor der Eröffnung konnte es so mancher kaum noch erwarten: Wie werden sich Christos Stege auf dem Wasser wohl anfühlen? Welche Textur hat der Stoff? Am Wochenende wurde das Geheimnis am norditalienischen Iseo-See gelüftet.

Sulzano. Als Christo plötzlich auf einem Boot im Iseo-See auftaucht, brandet auf den gelben Stegen Applaus auf. Tausende Menschen, die eben noch über die „Floating Piers“ spazierten, bleiben stehen.

Sie klatschen leise, fast ehrfürchtig, angesichts des für sie faszinierenden Meisterwerks, das der 81-jährige Verhüllungskünstler in monatelanger akribischer Detailarbeit in dem Gewässer installiert hat. „Es ist, wie auf einem Sonnenstrahl zu wandeln“, schwärmt Petra aus Berlin. Mal dahliengelb, mal ockerfarben, dann wieder tief orange schimmert der auf 220 000 Schwimmkörper gespannte Stoff. „So weich!“, „Genial!“, „Magisch!“ - die Stimmen, die auf den Stegen zu hören sind, strotzen vor Euphorie.

„Ich hätte es mir stabiler vorgestellt, aber das Ganze bewegt sich, und man spürt wirklich die Wellen im Gehen“, sagt Felix, der vom Chiemsee aus angereist ist. Tim aus dem englischen Oxford geht noch weiter und spricht von einer „fast biblischen Menschenmenge, die über Wasser schreitet“. Die Installation sei nicht nur so ausgetüftelt, dass die Wellenbewegungen im ganzen Körper zu spüren seien, sie sei auch „visually marvelous“ - optisch sagenhaft, ergänzt seine Begleiterin Araminta.

Wie viele andere auf den Stegen sind auch die Briten große Christo-Fans. Aber nicht nur die langjährigen Anhänger des gebürtigen Bulgaren sind angesichts seines neuesten Wurfs hingerissen. Vielleicht ist es die Mischung, die dieses Projekt so einzigartig macht: Hier trifft italienische Bilderbuchidylle - kleine Straßencafés, bunte Häuschen, weiße Segel vor blauem Wasser und wild bewachsenen Bergen - auf moderne Kunst, die wie Lichtstrahlen drei Kilometer lang den See durchzieht.

55 000 Menschen flanierten bereits am Eröffnungstag über die Stege, ab dem Nachmittag gab es die Anweisung: „Kommt gar nicht mehr - alles voll!“ Züge und Fähren standen zeitweise still. 11 000 Menschen dürfen gleichzeitig auf die Schwimmwürfel, aus Sicherheitsgründen ist die Zahl begrenzt - auch, damit die „Floating Piers“ im Notfall schnell geräumt werden können.

„Es wird sich anfühlen, als würde man auf dem Rücken eines Wals spazierengehen“, hatte Christo seine Idee beschrieben, lange bevor die Stege zusammengeschraubt und mit 190 Ankern von Tauchern auf dem Grund des Sees befestigt worden waren. Tatsächlich ist das Gefühl fast mit nichts vergleichbar, was Menschen sonst im oder auf dem Wasser erleben. „Ich möchte, dass die Menschen die Stege mit allen Sinnen genießen“, sagte Christo kurz vor der Eröffnung. Am besten barfuß, empfahl er - und viele folgten dem Rat des Maestro.

Die Stege führen vom Örtchen Sulzano auf dem Festland zunächst zur Monte Isola, der größten Insel in einem südeuropäischen Binnengewässer, und von dort zu dem kleineren Eiland San Paolo, das Privateigentum der Waffenherstellerdynastie Beretta ist.

„Es ist das allererste Mal, dass wir das Festland über eine Brücke erreichen können“, sagt Signora Luciana, die auf der Monte Isola ein Geschäft mit an Fischernetzen inspirierter Handwerkskunst betreibt. „Schade, dass die Stege bald wieder weg sind, da könnten wir uns dran gewöhnen“, lächelt sie und schaut sich fröhlich in ihrem prall mit Einkäufern gefüllten Laden um. Dabei seien viele Bewohner der Insel zunächst skeptisch gewesen, meint Bürgermeister Fiorello Turla. „Aber jetzt bestaunen sie das Kunstwerk mit offenem Mund.“

Für viele in der Region hat sich Christos Projekt bereits als Goldgrube erwiesen, hat er doch das Interesse der Weltöffentlichkeit plötzlich auf den Iseo-See gelenkt. Lange stand der im Schatten der bekannteren norditalienischen Gewässer wie dem Gardasee oder dem Comer See. Dem Tourismus in Sulzano, dem nahe liegenden Iseo und den anderen Örtchen am Seeufer werden die „Floating Piers“ nun wohl auch lange nach ihrem Abbau am 3. Juli noch größere Einnahmen bringen.

Christo, der die meiste Zeit seines Lebens mit seiner 2009 gestorbenen Frau Jeanne-Claude zusammengearbeitet hat, hat auch die 15 Millionen Euro Kosten für die schwimmenden Stege wieder selbst aufgebracht - wie bereits bei seinen anderen unvergesslichen Werken, dem verhüllten Reichstag in Berlin 1995 etwa oder der verhüllten Pont Neuf in Paris 1985.

Er finanziert die kurzlebigen Installationen vor allem aus dem Verkauf von Skizzen und Bildern, an denen er in den vergangenen Monaten unermüdlich in New York gearbeitet hat, sowie aus dem Recycling der verwendeten Materialien. Die Installation ist Christos erstes Großprojekt seit dem Tod Jeanne-Claudes. „Es scheint, er ist endlich aus seiner Schockstarre erwacht“, meint ein Besucher.

Die „Floating Piers“ kosten keinen Eintritt, sie sind rund um die Uhr gratis begehbar. Am Montag stand der nächste Vollmond an, vielen nächtlichen Besuchern war damit noch ein besonderes atmosphärisches Erlebnis garantiert.

Derweil verteilen Christos Mitarbeiter auf den Stegen kleine Stücke des gelben Stoffs, als Souvenir und Erinnerung an dieses besondere Kunstevent. Unter ihnen ist Matthias Osthaus, der seit einer Woche bei dem Projekt mithilft. „Wie alle Leute aus dem Team werde ich dafür bezahlt, das ist bei Christo so üblich“, sagt der Berliner Kunstfan. „Für mich ist hier ein Traum wahr geworden, so was erlebt man wohl nur einmal“, erklärt er bewegt. „Christo baut die Stege nach 16 Tagen wieder ab, aber in uns leben sie weiter.“

dpa

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