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Gaukler der Geschichte(n): Kehlmanns neuer Roman

«Tyll» Gaukler der Geschichte(n): Kehlmanns neuer Roman

„Die Vermessung der Welt“ machte ihn international berühmt. Kein Wunder, dass jedes neue Buch von Daniel Kehlmann mit besonderer Spannung erwartet wurde.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann legt nach.

Quelle: Maurizio Gambarini

Berlin. Eigentlich gehört Till Eulenspiegel nicht in den Dreißigjährigen Krieg. Doch Daniel Kehlmann (42) versetzt den mittelalterlichen Schelm in seinem neuen Buch kurzerhand in den fatalen Glaubenskrieg des 17. Jahrhunderts.

Hallo Leser! Hier kriegst du keinen sauberen Historienroman. Hier kriegst du ein brillantes Gemisch aus Fantasie, profundem Wissen und schrägem Humor - urkomisch und todtrauig zugleich. 

Vier Jahre nach seinem teils etwas verhalten aufgenommenen Roman „F“ um ein betrügerisches Brüder-Trio kehrt der in Berlin und Wien lebende Autor mit „Tyll“ zu der Form zurück, die 2005 seinen internationalen Erfolg begründete. Auch sein Bestseller „Die Vermessung der Welt“ über die höchst ungleichen Forscher Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß lebte von der Spannung zwischen Wahrheit und Fiktion. Etwa sechs Millionen Menschen weltweit haben das Buch inzwischen gekauft.

Nun also „Tyll“. Anders als der Titel glauben macht, ist der umdatierte Schalk keineswegs die Hauptfigur des Romans. Groß und hager, frech und furchtlos ist er eher der magische Faden, der die Geschichte zusammenhält. Vor allem geht es um den Wahnsinn des Krieges, die Verlogenheit der Konfessionen, die diese Katastrophe für Europa heraufbeschworen haben, und um die Verheerungen, die die Gewalt in der Seele der Menschen anrichtet.

Es ist eine grausame Welt, in die der Autor den Leser schickt. Tylls Familie lebt zwischen altem Geisterglauben und dörflicher Frömmigkeit irgendwo im Süden des Herzogtums Bayern. Der Vater, ein wissbegieriger Müller, hilft Alten und Kranken mit überliefertem Zauberwissen. Als zwei Jesuiten ihn deshalb wegen Hexerei an den Galgen bringen, muss der Sohn fliehen. Zusammen mit seiner Freundin Nele schließt er sich einem Gaukler an und wird, seiltanzend und jonglierend, bald zum berühmtesten Spaßmacher des Heiligen Römischen Reichs.

So tritt er als Hofnarr in die Dienste des „Winterkönigs“, gerät bei Brünn in den Granatenhagel der Schwedenarmee und erlebt die letzte große Feldschlacht bei Zusmarshausen. Am Schluss bleibt ein verwüstetes Land: Leichenberge, brennende Dörfer, gerodete Wälder, marodierende Banden. Bis zu 40 Prozent der deutschen Landbevölkerung fielen Schätzungen zufolge dem Krieg zum Opfer.

Es ist, als sei dem Grauen nur durch Galgenhumor beizukommen. Leichthändig wie Tyll mit seinen Bällen webt Kehlmann in die Geschichte eine Fülle kuriosester Figuren ein. Viele von ihnen finden sich bis heute in den Geschichtsbüchern, bekommen aber unverhofft neue Rollen. 

Der legendäre Universalgelehrte Athanasius Kircher etwa wird zum bigotten Jesuiten, der einerseits auf Hexen Jagd macht, im Kampf gegen den Drachen aber selbst zur Hexerei greift. Der Schriftsteller Martin von Wolkenstein muss sich als dicker Graf durch die Höllenvisionen der Heerlager kämpfen, um den berühmten Narren an den Kaiserhof in Wien zu lotsen.

Und die schöne Elisabeth („Liz“) Stuart kann den Verlust der böhmischen Königskrone durch ihren dummen Gatten Friedrich nach nur einem Winter nicht verwinden: Bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden will sie nochmal große Politik machen.

Kehlmann erzählt die Geschichte in einer eleganten, schnörkellosen, fast lakonischen Sprache, auch wenn seine Liz das Deutsche als ein „Gebräu von Stöhnlauten und harten Grunzern“ verspottet. Die acht Episoden des 480-Seiten-Buchs sind - ähnlich wie die geheimnisvollen Zauberworte des gehängten Müllers - virtuos ineinander verschoben und miteinander verknüpft, selbst wenn der Leser die Zeichen oft erst später entziffern kann.

Und manches Geheimnis bleibt auch bis zum Schluss. Kann ein Esel sprechen lernen? Wirkt zerstoßener Regenwurm wie Drachenblut? Und schließlich: Mit wem steht Tyll im Bunde? „Ich sterbe heut nicht“, sagt er beim letzten Granateneinschlag. „Und ich sterbe auch nicht morgen und an keinem anderen Tag. Ich will nicht! Ich mach's nicht.“ Mit diesem Roman könnte ihm das vielleicht gelingen.

- Daniel Kehlmann, Tyll, Rowohlt Verlag Reinbek 2017, 480 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-498-03567-9.

dpa

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