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Kultur im Rest der Welt Happy Birthday, Willie Nelson!
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16:27 29.04.2018
Der skeptische Blick des Outlaws: Willie Nelson hatte es nie mit dem Nashville-Establishment. Wie seine Ex-Bandkollegen Johnny Cash, Kris Kristofferson und Waylon Jennings ging er seinen eigenen Weg. Quelle: imago stock&people
Nashville

Happy Birthday Willie Nelson,

85 werden Sie heute. Viel wird da wieder die Rede vom Countrymusik-„Urgestein“ sein, aber wir wollen nicht darauf herumreiten. Eigentlich wollten Sie ja Cowboy werden, und hätte es in Ihrem kleinen texanischen Heimatdorf Abbott ein Pferd gegeben, oder hätte Ihre Familie die Dollars gehabt, Ihnen anderswoher einen Gaul zu beschaffen, by god, Sie hätten mit den anderen Jungs die Herden getrieben und sich abends am Lagerfeuer einen bitteren Kaffee gekocht wie in den Wildwestfilmen. Und wir hätten all unsere schönen Willie-Nelson-Platten nicht im Regal.

Wie die neue. Die „Last Man Standing“ heißt und zwei Tage vor Ihrem Geburtstag herauskam. Sie sehen darauf aus wie ein Denkmal, und das sind Sie ja auch irgendwie. Ihr verwittertes Gesicht ist goldgelb getönt vor schwarzem Hintergrund. Sie greifen einen Akkord auf Trigger, Ihrer alten, ebenfalls verwitterten Akustikgitarre. Die 50 Jahre alt ist und nach dem Pferd des glamourösen, singenden Cowboydarstellers Roy Rogers benannt wurde, dem Elton John mal eine sehr schöne Ballade gewidmet hat, damals in den frühen Siebzigerjahren.

Sie sehen cool aus, ikonisch, einer mit den Jahren der immer markanter wird, tragen Ihre Haare in Zöpfen, Ihrem optischen Alleinstellungsmerkmal. Der Klischee-Countrymusiker hat ordentlich geschnittenes Haar, lässt er es wachsen, dann trägt er es meist offen. Die wollen eben nicht aussehen wie Indianer, die ja immer die klassischen Gegenspieler der Cowboys waren.

Sie dagegen schon, Willie. Wir haben das immer als Statement für die besiegten und erniedrigten First Nations gesehen. Sie aber haben damit speziell die tonangebenden Typen von Nashville brüskieren wollen, diejenigen, die definieren zu können glaubten, was Country ist.

Nämlich dieser schlüpfrige Heulsusensound der Siebzigerjahre mit seinen jammernden Geigen, den schluchzenden Sängern - diese kantenlosen, radiofreundlichen Schleiflackproduktionen. „Damit wollte ich den Leuten auf den Sack gehen“, haben Sie Larry King verraten, dem Late-Night-Talker. Sie sind der Outlaw gewesen, der sein Ding machte. Allein oder mit anderen Outlaws wie Johnny Cash, Waylon Jennings und Kris Kristofferson, mit denen Sie die Band The Highwaymen gegründet haben.

Mit „Last Man Standing“ ist dir (wir kämpften jetzt drei Absätze gegen den Duzdrang an und geben an dieser Stelle auf) ein recht feines Alterswerk gelungen. Was für eine anrührendes Liebeslied ist „Something You Get Through“! Du hast eine windgeprüfte Stimme wie ein alter Pony-Express-Reiter und singst dabei lässig wie ein Jazzer (ähnlich wie das der Jazzer und Soulman Ray Charles in seinen Countrysongs von der „schwarzen“ Seite her gemacht hast).

Und dein Countryblues jiggelt und wiggelt meist so munter über Stock und Stein wie man es von den letzten echten Dylan-Alben kennt (als Bob noch nicht beschlossen hatte, nur noch Frank-Sinatra-Songs aufzunehmen). Jedenfalls klingt diese Scheibe jung, Willie. Auch wenn du viel übers Altgewordensein singst.

Darüber, dass es dir langsam schwer wird, Zeuge zu werden, wie all deine Kumpel „auschecken“, dass man sich dabei immer fragt, wer wohl der Nächste sein wird und dass man nicht der Letzte sein will, der übrigbleibt (im Song „Last Man Standing“). Und dass du in der nächsten Reinkarnation unbedingt jemand glücklich machen willst (in „I’ll Try to Do Better Next Time“). Aber auch, dass ein „schlechter Atem immer noch besser ist als überhaupt keiner“ (in „Bad Breath“).

Also was jetzt? Im Grunde willst du doch einfach nur weiter Musik machen, egal wo. In „Last Man Standing“ willst du dir die Sache mit dem „letzten Mann“ zwar am Ende doch noch mal überlegen. Setzst zugleich aber deine Hoffnung darauf, Legenden wie Merle Haggard und Norro Wilson eines Tages auf der anderen Seite wieder zu treffen: „Saiten picken, singen, die Busse beladen und nix wie die (himmlische) Straße runterfahren.“ In „Heaven is Closed“ befindest du Hölle und Himmel dann wieder einander viel zu ähnlich und willst „eine anzünden“ für die, die in der Hölle leben und die, die sich im Himmel wähnen. Und willst am liebsten doch ganz auf Erden bleiben.

Apropos eine anzünden. Damit ist keine Marlboro gemeint. Du hast zwei Ehen zertrunken und irgendwann gemerkt, dass dich der Whisky zu zornig macht, dass du eher der Mann für einen Joint und ein Lächeln bist. Hast in Amsterdam sogar den Rapper Snoop Dogg (deinen Duettpartner bei „My Medicine“) unter den Tisch gekifft. Hattest 2005 eine Marihuanapflanze auf dem Cover von „Countryman“, deinem ersten Reggaealbum. Alles Sachen, die „Pfui“ sind für das alte Nashville. Du und Trigger, ihr seid eben immer noch das junge Nashville - wachsam, neugierig, geradeaus. Nichts für Spießer.

Was du von Trump hältst, hast du schon desöfteren gesagt, jetzt hängst du auch Musik hinter dein Statement: „Hör nicht auf zu versuchen, die Regierung auszuwechseln“, singst du in „Don’t tell Noah“, „und zeige ihnen, wie falsch sie liegen.“

Und in „Me and You“ ziehst du uns Zuhörer auf deine Seite. „Es gibt nur noch uns beide, dich und mich, und wir sind definitiv eine Minderheit“ – so werden wir einbezogen in deinen Hader mit dem „Great-Again“-Amerika: „Ich hab am Fernseher den Ton abgestellt / denn ich kann‘s nicht mehr hören / es ist, als sei ich in einem fremden Land / einem, dass ich noch nie gesehen habe.“ Jack White von den White Stripes hat mal gesagt, dass niemand so sehr für Amerika stehe wie du. Wie musst du leiden.

Johnny und Waylon warten zwar schon im Himmelsbus, aber du bist beileibe nicht der letzte Mann, Kris Kristofferson steht auch noch und eine ganze Heerschar von Alternative-Country-Bands hat eure Rebellion in die nächsten Generationen getragen. Vielleicht machst du mit denen noch ein paar schöne Platten auf Erden. Das wünschen wir uns zu deinem Geburtstag. An die, die du beim lieben Gott machen wirst, kommen wir so schlecht ran.

Eine schöne Party heute Abend. So long, Willie!

Von Matthias Halbig/RND

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