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Kultur im Rest der Welt Gestohlenes Nolde-Gemälde zurück im NDR
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12:19 26.11.2018
„Wir wollten nicht, dass das Bild in der Illegalität verschwindet“: NDR-Intendant Lutz Marmor (links) und Justiziar Michael Kühn mit den „Sonnenblumen“ von Emil Nolde im Hamburger Funkhaus. Quelle: Cordula Kropke/NDR
Hamburg

Das ist nicht einfach eine Blume. Das ist ein Ereignis. Emil Nolde ist außer sich vor Begeisterung, als er in den Garten tritt: „Die Sonnenblumen steigen so hoch“, schreibt er 1928 seinem Freund Hans Fehr, „und ich mit rückwärts gebeugtem Nacken stehe der Schönheit dankbar staunend davor.“ Mit der „hochsteigenden“ Pflanze hatte der Maler erst kurz zuvor so etwas wie sein Lebensmotiv gefunden: 1926 rückte er zum ersten Mal die Sonnenblume ins Zentrum eines Gemäldes – im Laufe seiner Karriere sollte er das mehr als 50-mal variieren.

Das lässt ahnen, wie wichtig das erste, schlicht „Sonnenblumen“ betitelte Bild von 1926 auch für den Künstler selbst gewesen sein mag. Mehr als 20 Jahre behielt Nolde die „Sonnenblumen“ in seinem persönlichen Besitz. Erst nach dem Krieg war er zum Verkauf bereit.

Kunstdiebstahl beim NDR

1950 wurde das Gemälde vom Nordwestdeutschen Rundfunk erworben, dem Vorläufer des heutigen NDR. Generaldirektor Adolf Grimme persönlich kaufte es direkt bei Nolde für 10.000 D-Mark und hängte es in sein Büro. 29 Jahre später – die „Sonnenblumen“ waren inzwischen vom Arbeitszimmer des Direktors an eine Wand im Büro des damaligen Justiziars (und späteren Intendanten) Jobst Plog verpflanzt – kam es zu einem Kunstdiebstahl beim NDR: Über die Pfingsttage des Jahres 1979 verschwanden das kunsthistorisch bedeutsame Blumengemälde und das Nolde-Aquarell „Landschaft mit Bauernhaus“ aus verschlossenen Büroräumen im Funkhaus in der Hamburger Rothenbaumchaussee.

Die Kriminalpolizei wurde eingeschaltet, auch der NDR stellte Nachforschungen an, doch beides blieb erfolglos: Im September 1980 wurden die Ermittlungen eingestellt. Seither galten beide Nolde-Werke als verschollen.

Emil Noldes Aquarell „Landschaft mit Bauernhaus“ wurde 1979 aus dem NDR Funkhaus gestohlen – und ist seitdem verschwunden. Quelle: Nolde-Stiftung Seebüll/Reproduktion NDR

Umso überraschter war der derzeitige NDR-Justiziar Michael Kühn, als er im Mai vergangenen Jahres ein Schreiben einer Berliner Anwältin erhielt: Deren Mandantin war offenbar im Besitz des verschwundenen „Sonnenblumen“-Gemäldes und wollte mit dem Sender über eine Rückgabe des Werkes verhandeln. Die Frau erklärte über ihre Anwältin, ihr verstorbener Mann habe das Bild vermutlich Anfang der Achtzigerjahre von einem inzwischen ebenfalls verstorbenen Freund geschenkt bekommen.

Dieser Freund, der nachweislich als Produktionsmitarbeiter beim NDR in Hamburg beschäftigt war, habe damals behauptet, das Bild „für kleines Geld“ aus dem Requisitenfundus des Senders erworben zu haben. Die Frau habe keine Zweifel an dieser Darstellung gehabt – und angeblich erst vor Kurzem herausgefunden, dass es sich bei dem Bild um ein Nolde-Original handle. Vom Verbleib des weiter verschwundenen Aquarells wisse sie nichts.

Ohne Gegenleistung allerdings wollte die Frau das Gemälde nicht zurückgeben: Es standen Forderungen im Raum, deren Höhe offenbar die 20.000 Euro bei Weitem überstiegen, die der NDR ihr letztlich als eine Art Finderlohn tatsächlich gezahlt hat. Sachverständige vom britischen Auktionshaus Sotheby’s schätzen den Wert der „Sonnenblumen“, die inzwischen von mehreren Experten auf ihre Echtheit überprüft wurden, auf einen Betrag zwischen 900.000 und 1,2 Millionen Euro.

Emil Noldes „Sonnenblumen“ werden auf rund 1 Million Euro geschätzt. Der NDR hat nun 20.000 Euro dafür bezahlt. Quelle: Nolde-Stiftung Seebüll/Reproduktion: Eric Tschernow

Die geleistete Zahlung sei am Ende ein Kompromiss gewesen, erläutert Justiziar Kühn: „Wir wollten den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen, damit das Bild nicht in der Illegalität verschwindet“, sagte er bei einer Präsentation des zurückgekehrten Gemäldes im Funkhaus. Gleichzeitig habe man klar gemacht, dass der NDR nicht den Marktpreis bezahlen könne. Rechtlich waren dem Sender die Hände allerdings weitgehend gebunden: Die Hürden, das gestohlene Bild über den Gerichtsweg zurückzufordern, waren laut Kühn nach der langen Zeit zu hoch.

Lehren aus dem Diebstahl

Zurück ins Büro des Chefs soll das Bild nun allerdings nicht. Ohnehin hatte der NDR schon in den Achtzigerjahren Lehren aus dem Diebstahl gezogen und Kunstwerke aus seiner Sammlung verkauft, die zu wertvoll waren, um sie in Redakteursstuben zu hängen. NDR-Intendant Lutz Marmor betont nun aber, dass sein Haus den Nolde nicht verkaufen werde. Die „Sonnenblumen“ sollen durch die Vermittlung von Ulrich Krempel, dem ehemaligen Direktor des Sprengel-Museums, den der NDR frühzeitig als Experte zugezogen hatte, in den kommenden Jahren in wichtigen Museen des NDR-Sendegebiets gezeigt werden: zunächst in Hannover, Hamburg, Kiel und Schwerin.

Was nach der Tour durch die norddeutschen Museen mit dem kostbaren Gemälde passiert, sei noch nicht entschieden, sagt Intendant Marmor. Offenbar kann sich das hannoversche Sprengel-Museum aber Hoffnung darauf machen, das durch die engen und frühen Beziehungen seines Gründers zum Künstler bereits eine herausragende Nolde-Sammlung hat. Dass das zurückgewonnene Gemälde jederzeit öffentlich zugänglich sein wird, dürfte in jedem Fall im Sinne des 1956 verstorbenen Malers sein: „Das Verständnis für meine religiösen und figürlichen Werke geht fast immer durch die Blumenbilder“, vertraute Nolde seinem Freund Hans Fehr zur Entstehungszeit der „Sonnenblumen“ an: „Sie sind am leichtesten fassbar.“

Die „Sonnenblumen“ in Hannover

Für das Sprengel-Museum ist es laut Direktor Reinhard Spieler eine „freudige Überraschung, einen solchen Blumengruß zu bekommen“. Sein Haus wird ab April 2019 zuerst das vom NDR zurückerworbene Nolde-Gemälde präsentieren. Die „Sonnenblumen“ werden bei der geplanten Ausstellung „Elementarteilchen“ gezeigt. „Die Schau wird eine neue Sammlungspräsentation im Erweiterungsbau sein“, sagt Spieler – das Hauptgebäude wird 2019 wegen Brandschutzarbeiten teilweise geschlossen. Die temporäre Leihgabe versteht Spieler schon jetzt als Geschenk: „Das ist ein schöner Beitrag zum 40. Geburtstag des Sprengel-Museums im kommenden Jahr.“

Von Stefan Arndt

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