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„Hysteria“: Ein gesellschaftlicher Alptraum

Uraufführung „Hysteria“: Ein gesellschaftlicher Alptraum

Wie schnell kann aus Unsicherheit Angst und aus Angst Hysterie werden? Dieser Frage geht Intendantin Karin Beier in der Uraufführung von „Hysteria - Gespenster der Freiheit“ am Hamburger Schauspielhaus nach.

Hamburg. Die Zuschauer blicken auf einen riesigen Glaskasten, dahinter rechts ein Esszimmer mit einem langen Tisch, links ein Küchenblock, in der Mitte ein Aquarium mit Goldfischen.

Eine hochschwangere Frau im weißem Hosenanzug und mit hochgesteckten Haaren wartet mit ihrem Ehemann im adretten Anzug und ihrer Tochter im Glitzerfaltenrock und Bomberjacke auf ihre Gäste zur „House-Warming-Party“. Sie sprechen miteinander, doch ihre Stimmen können die Zuschauer zunächst nicht hören. Aus dem Off ertönt nur die Stimme der Mutter: „Oder ist es Angst vor der eigenen Angst?“, fragt sie sich und mit einem blitzenden Küchenmesser in der Hand prophezeit sie: „Das wird ein seltsames Ende nehmen!“

Zur Eröffnung der Spielzeit am Hamburger Schauspielhaus hat Intendantin Karin Beier einen gesellschaftlichen Alptraum inszeniert: Inspiriert von Filmregisseur Luis Buñuel feierte am Samstagabend das Stück „Hysteria - Gespenster der Freiheit“ unter viel Beifall seine Uraufführung. Nach und nach treffen in dem modernen Haus im Bauhausstil mit den bodentiefen Fenstern (Drehbühne: Johannes Schütz) die illustren Gäste ein. Und nach und nach bröckelt die nach außen präsentierte Fassade, werden Lebenslügen sichtbar und die Gäste müssen sich ihren realen und imaginären Ängsten stellen. Dabei zeigt sich, wie schnell aus Verunsicherung Angst und aus Angst Hysterie werden kann.

Bald stellt sich heraus, dass Hausherr Robert (Yorck Dippe) seinen Job verloren hat und seinen Chef Hugo (Sayouba Sigué) samt seiner aufgedrehten Frau Yvonne (Kate Strong) nicht ausstehen kann. Trotzdem umgarnen sie den smarten Geschäftsmann, schließlich muss das neue Haus irgendwie abbezahlt werden. Arzt Bernhard (Markus John), der seine asiatische Frau Micky (Sachiko Hara) für ihren Gleichmut bewundert, war angeblich nie in Afrika. Und eine junge Frau (Angelika Richter), die mit ihrem Bruder (Paul Behren) auf der Party erscheint, ist todkrank, aber niemand spricht sie darauf an. Als dann noch ein unter Verfolgungswahn leidender Nachbar (Michael Wittenborn) und ein Handwerker (Jonas Hien) auftauchen, nimmt das Chaos seinen Lauf.

Zunächst bleiben nur die Haare in der asiatischen Maske stecken, schmeckt einem Gast der Wein nicht und ein anderer spukt auf die schöne Glasscheibe: Als der Nachbar immer bedrohlichere Szenarien beschwört, kippt die Stimmung und plötzlich halten alle eine Waffe in der Hand. Das anfängliche Lachen bleibt den Zuschauern am Ende sprichwörtlich im Halse stecken. Intendantin Karin Beier verlässt sich auf ihr gut eingespieltes Ensemble, allen voran Julia Wieninger als Gastgeberin und Markus John als Bernhard. Dabei gelingt es ihr, die Abgründe hinter der bürgerlichen Fassade aufzudecken und ein beunruhigendes Bild unserer Gesellschaft aufzuzeigen.

Mit „Hysteria - Gespenster der Freiheit“ setzt Beier ihren erfolgreichen Weg der aktuellen politischen Stücke fort. In der vergangenen Spielzeit sorgte die Intendantin mit „Schiff der Träume“ nach einem Film von Federico Fellini, das zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde und „Unterwerfung“ nach dem umstrittenen Roman von Michel Houellebecq für Furore. Darin brillierte Edgar Selge in einer Soloperformance und wurde dafür zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt. Nach „Geächtet“ von Ayad Akhtar wird Beier Anfang nächsten Jahres ein weiteres Stück des pakistanisch-stämmigen Autors als deutsche Erstaufführung auf die Bühne bringen.

dpa

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