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Kultur im Rest der Welt Johan Simons: „Wir müssen noch offener sein“
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09:12 27.09.2017
Der Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons hat in seiner dreijährigen Amtszeit die Werte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auf den Prüfstand gestellt. Quelle: Maja Hitij
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Düsseldorf

Für Johan Simons ist Theater immer politisch. In seiner dreijährigen Amtszeit als Intendant der Ruhrtriennale hat er die Werte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auf den Prüfstand gestellt. Europa und auch Deutschland aber haben sich in diesen Jahren verändert.

Simons' Bilanz nach der Bundestagswahl: Deutschland dürfe sich nicht von der Willkommenskultur verabschieden. „Wir müssen noch offener sein“, sagt Simons im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Auch auf die AfD-Wähler müsse man zugehen, um mehr über sie zu erfahren.

Frage: Sie haben das Ruhrgebiet in Ihrer dreijährigen Intendanz gut kennengelernt. Ihre Devise war: „Seid umschlungen“. Hat es funktioniert?

Antwort: Ja, das ist zum Teil gelungen. Wir sind auf die Menschen zugegangen, etwa mit „Urban Prayers Ruhr“. Wir haben in Moscheen, in Synagogen, Hindu-Tempeln und christlichen Kirchen gespielt. Da gab es wirklich einen Austausch mit dem Publikum. Zum Beispiel in der riesigen Moschee in Duisburg-Marxloh - dort waren wir im Gespräch mit der Gemeinde und dem Imam. Schon früher bei meiner Theatergruppe „Hollandia“ war meine Devise, Theater für Menschen zu machen, die nie ins Theater kommen. Aber ich möchte es nicht nur mit Einfachheit machen. Ich mache auch komplexe Dinge. Sie müssen verführerisch sein, aber manchmal auch intellektuell schwierig.

Frage: Sie haben auch in stillgelegten Zechen große Kohlenmischhallen bespielt. Was ist davon geblieben?

Antwort: Eine gute Frage. Der Bürgermeister von Dinslaken hat sich sehr bedankt dafür, dass die Bürger integriert wurden. Sie kamen in die Proben und die Aufführungen.

Frage: Haben Sie Hemmschwellen zur Hochkultur abbauen können?

Antwort: In der Jugendarbeit ging es in drei Jahren bis in die Familien, um Berührungsängste abzubauen. Wir haben auch die Festivalnacht für elektronische Musik „Ritournelle“ organisiert. Da waren fast nur junge Leute. Es gab ein Festivalzentrum. Dort waren alle Veranstaltungen kostenlos.

Frage: Sie hatten auch einen dezidierten politischen Anspruch an die Ruhrtriennale. Am Ende wurden Sie pessimistisch.

Antwort: Nicht pessimistisch, aber wir wollten hinterfragen, inwiefern Freude und Hoffnungen für alle Menschen gleichermaßen gelten. Man macht die Intendanz für drei Jahre. Und ich hätte nie gedacht, dass sich die Welt in der Zeit so verändern würde. Ich wollte mit Blick auf Europa und die Willkommenskultur die Frage von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit stellen. Die Willkommenskultur passte auch zum Motto „Seid umschlungen“.

Frage: Und jetzt haben wir im Bundestag die AfD. Sollen wir nun nicht mehr willkommen heißen und nicht mehr umschlingen?

Antwort: Doch, wir müssen da weitermachen.

Frage: Was muss man tun, damit Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit weiter gelten?

Antwort: Wir müssen noch offener sein. Das gilt auch für die Politik. Im Ruhrgebiet gab es wegen des Bergbaus immer eine Migrantenkultur. Kunst kann Lebensmodelle entwickeln, die neue frische Blickweisen bringen. Ein Theater ist auch ein Reflexionsraum. Das ist etwas anderes als die Massenmedien. Theater ist ein sehr persönliches Medium. Deshalb meine ich auch, dass man mit den AfD-Wählern persönlich in Kontakt kommen und mit ihnen reden soll. Dafür ist das Theater ein Ort. Da geht man auf die Leute zu und holt sie zu sich.

Frage: Sind Sie glücklich, dass Sie die Ruhrtriennale gemacht haben?

Antwort: Ja. Ich finde, dass die Ruhrtriennale etwa im Vergleich zu den Wiener Festwochen oder Salzburger Festspielen das schönste Festival ist. Man muss nicht in Theatern spielen, sondern hat andere Räume - und das Tageslicht. Auf eine gewisse Weise ist die Ruhrtriennale dichter ans Leben angedockt als die anderen Festivals.

Frage: Was nehmen Sie mit für Ihre Intendanz ab 2018 am Bochumer Schauspielhaus?

Antwort: Eine viel größere Kenntnis vom Ruhrgebiet. Ich habe das Gefühl, dass ich wirklich immer besser weiß, wie die Ruhrpottler ticken.

ZUR PERSON: Johan Simons, einer der profiliertesten Theatermacher Europas, leitete von 2015 bis 2017 die Ruhrtriennale. 2018 übernimmt der gebürtige Niederländer die Intendanz am Bochumer Schauspielhaus. Von 2010 bis 2015 war der 71-Jährige Intendant der Kammerspiele in München und zuvor Chef des belgischen Stadttheaters NTGent. Simons ist ausgebildeter Tänzer und Schauspieler.

dpa/lnw

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