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Jubel für die „Winterreise“ am Maxim Gorki Theater

Uraufführung Jubel für die „Winterreise“ am Maxim Gorki Theater

Das im November gegründete „Exil Ensemble des Gorki“ am Maxim Gorki Theater in Berlin hat mit „Winterreise“ eine erste Uraufführung vorgestellt. Die Zuschauer nahmen die verblüffend unterhaltsame Reflexion zum Thema Leben in der Fremde begeistert an.

Leben in der Fremde.

Quelle: Rainer Jensen

Berlin. Enormer Beifall und Bravo-Rufe am Maxim Gorki Theater: Das Berliner Publikum hat am Samstagabend die Uraufführung der ersten Produktion des „Exil Ensemble des Gorki“ begeistert gefeiert. Der Abend hat den Titel „Winterreise“.

Die aus Israel stammende Regisseurin Yael Ronen hat ihn gemeinsam mit den sechs im deutschen Exil lebenden Schauspielerinnen und Schauspielern aus Syrien, Israel, Afghanistan, den Palästinensergebieten und einem ihrer deutschen Kollegen erarbeitet. Das „Exil Ensemble“ war erst im November gegründet worden

Beleuchtet werden Fragen, Erfahrungen und Schwierigkeiten des Lebens von Flüchtlingen in der Fremde. Ausgangspunkt der Arbeit war eine im Januar zusammen unternommene Busreise durch mehrere deutsche Städte und Zürich. Geistreich, mit kraftvoller Emotionalität und dem originellen Einsatz verschiedener Stilmittel, wie Schauspiel, Gesang, Tanz, Video, bildender Kunst wird ihr Leben in Deutschland beleuchtet. Das ist oft verblüffend witzig, aber auch sehr nachdenklich.

Die Darsteller agieren vor einer teilbaren Wand, auf der Videoeinspielungen Momentaufnahmen von Stationen ihrer Reise, etwa Dresden, das Konzentrationslager Buchenwald und das schweizerische Zürich, zeigen. Projektionen von Zeichnungen machen Erinnerungen, Hoffnungen und Sehnsüchte der Protagonisten deutlich.

Zum Höhepunkt werden jene Szenen, in denen die Akteure ihre Begegnung mit einer Pegida-Demonstration in Dresden spiegeln. Dabei wird zum Beispiel mit bestechender Komik die Absurdität von Sprüchen wie „Merkel muss weg“ oder „Kartoffeln statt Döner“ entlarvt.

Besonders beeindruckend ist, wenn gezeigt was, was hinter Schlagworten wie „Flucht“ oder „Heimatverlust“ steht: In Monologen werden Einzelschicksale deutlich. Da wird etwa klar, welche Gefahren eine monatelange Odyssee über mehrere Grenzen hinweg in sich birgt. Was es heißt, Familie und Freunde zu verlassen. Sentimentalität kommt dabei nicht auf. Die Präsenz der Akteure und die ausgewogene Balance von Komik und Ernst sorgen dafür.

Besonders spannend für deutsche Zuschauer ist es sicherlich, wenn die Schwierigkeiten Einheimischer offenbart werden, die helfen wollen, aber nicht wissen, wie. Das passiert zum Beispiel gleich zu Beginn des Abends, wenn die Exilanten ihren deutschen Kollegen Niels Bormann auffordern, nicht unentwegt salbungsvoll über sie und ihre Schicksale zu reden, sondern auch mal von sich zu erzählen, sich zu öffnen und ihnen damit die Chance zu geben, deutschen Alltag wirklich nah zu erleben.

Die 1976 in Jerusalem geborene und seit Jahren in Berlin lebende Regisseurin Yael Ronen wurde für ihre Produktionen international schon vielfach ausgezeichnet. Mit „Winterreise“ setzt sie erfolgreich ihre Auseinandersetzung mit politisch brisanten Themen fort. Dabei baut sie wieder auf eine publikumswirksame Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit.

Mit dem bravourös agierenden Ensemble, aus dem die aus Syrien stammende Kenda Hmeidan hervorsticht, reflektiert sie schwierige individuelle und gesellschaftliche Frage verblüffend unterhaltsam und anregend.

Zu einem Höhepunkt wird die mit Musik untermalte Rezitation von Bertolt Brechts 1937 entstandenem Gedicht „Über die Bezeichnung Emigranten“. Wenn es da heißt „Wir wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss“ und „Aber keiner von uns wird hier bleiben. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“ schlägt der Abend unaufdringlich eine Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit, werden wie nebenbei historische Parallelen offenbar.

Das Ende der Aufführung zeigt, wie die Protagonisten wie in einer verschworenen Gemeinschaft verschmelzen. Doch es wird nicht die Illusion von Harmonie erzeugt. Denn es wird auch gesagt, dass die Akteure als Künstler durch ihre Vernetzung in einer Situation leben, die ihnen gegenüber anderen Flüchtlingen oft einfacher Kontakte und Möglichkeiten bietet, und sei es „nur“ das Zusammensein mit anderen Künstlern.

So geht man als Zuschauer keineswegs beruhigt, sondern mit vielen Fragen aus dem Theater. „Winterreise“ geht in den nächsten Monaten auf Tournee durch zehn deutsche Städte und nach Zürich.

dpa

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