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Kafkas „Schloss“: Tumbe Dörfler hassen Fremde

Hamburg Kafkas „Schloss“: Tumbe Dörfler hassen Fremde

Franz Kafkas Roman „Das Schloss“ gilt als Schlüsselwerk der Moderne, das die Verlorenheit des Individuums schildert. An Hamburgs Thalia-Theater bemüht sich der Regisseur Antú Romero Nunes, daraus auch ein groteskes Sittenbild des Fremdenhasses zu machen.

Hamburg. Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung sind Themen, denen sich die deutschen Staatsbühnen seit Beginn der Flüchtlingskrise landauf, landab verschrieben haben. Und mit denen sie ihren Anspruch, gesellschaftspolitisch wirken zu wollen, stets vehement untermauern.

Am Hamburger Thalia-Theater kitzelt zum Ende der Spielzeit der junge, bundesweit gefeierte Hausregisseur Antú Romero Nunes diese Aspekte aus Franz Kafkas unauslotbarem Romanfragment-Meisterwerk „Das Schloss“ von 1922 heraus.

Grotesk-märchenartige Bilder wie aus einem Alptraum sind dem Sohn portugiesisch-chilenischer Eltern dabei ein Stilmittel. Ebenso der Kunstgriff, das Publikum selbst in die Lage der Romanhauptfigur K. zu versetzen, der tumbe Dörfler Zutritt in ihr Kollektiv verwehren. Nunes’ knapp zweistündiger, von Johannes Hofmann mit viel Klangkulisse unterlegter Aufführung spendeten die Zuschauer am Samstag langen Premierenbeifall.

Auf monoton rotierender Bühne erzählt der Abend das Geschehen gleich dreimal: als clowneske Farce, als Schülertheater und als existenzielles Drama. Nicht alles vermag zu berühren, denn die Geschichte bleibt am Ende wohl eher vordergründig.

In Erinnerung bleiben vor allem die optisch frappierende Szenen des ersten Teils - nicht zuletzt dank der Arbeit von Kostümbildnerin Victoria Behr. Sie stattete die sieben Darsteller, darunter Mirco Kreibich, Jörg Pohl, Lisa Hagmeister und Cathérine Seifert, als infantil-greise Spießer aus, die auf dunkel-nebliger Fläche (Bühne: Matthias Koch) wie aggressive Kreuzungen aus germanisch-düsterem Märchenpersonal und wollüstigen Schlaf-Heimsuchungen erscheinen.

Ein Mann mit weit ausladendem nacktem Hinterteil unter altertümlicher Jacke humpelt am Stock über die Bühne. Ein anderer starrt stumm ins Parkett, aus dem Hemd hängt ihm ein sich wölbender Bauchlappen. Wütend verjagt eine krumme Alte einen gackernden Darsteller mit Hühnermaske. Ein dümmlicher Kunst-Babykopf erscheint über einem Badewannenrand. Deformierte Gestalten, über die das Publikum erst kichert.

Doch das Lachen soll bald vergehen: „Wir brauchen keinen Landvermesser“, ruft eine Figur, „Raus, hau ab!“ eine andere. Worte, die das Leitmotiv des Abends bilden und direkt ins Publikum gesprochen werden. Denn bei Nunes (Jahrgang 1983) darf man sich persönlich als der vermeintliche Landvermesser K. fühlen: Als Kafkas Hauptfigur aus der Fremde, die angeblich einen Auftrag aus dem Schloss bekommen hat, aber weder von dessen Abgesandten noch von den Dörflern je in dieses Machtzentrum vorgelassen wird.

Geschweige denn, dass diesem K. überhaupt irgendeine Position an dem obskuren Ort einzunehmen erlaubt ist. So beobachtet man denn am Thalia über weite Strecken, wie sich dessen Bewohner selbst entäußern. Als lockende Frieda (Hagmeister) etwa, die möglicherweise einflussreiche Ex-Geliebte eines gewissen Klamm aus dem Schloss, die nun lustvoll imaginären Sex mit K. hat.

Oder, stramm mit Oberförsterhut, als Vorsitzender eines Tribunals, aus dem es mehrdeutig „Unser Land ist vermessen“ schallt. Doch dann, während einer betont überzeichneten Schülertheaterprobe von Kafkas „Schloss“, schält sich doch noch ein Bühnen-K. heraus: Es ist Kreibich, der zunächst auf dem Boden in ein anspielungsreiches Käfer-Zwischenstadium verfällt. Um anschließend, elend und nackt, auf dem bloßen Gestänge eines verwinkelten Baus den ebenfalls ihrer voluminösen Kostüme entkleideten Gestalten hinterher zu jagen.

Vergeblich natürlich. Während die Bühne am Ende gänzlich leer ist, tobt unter schwarzem Himmel ein Schneesturm über einer einsamen Kreatur, K.. Die beschreibt ihren Zustand in knappen Worten als einen zwischen Freiheit, Warten und Unglück.

dpa

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