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Kopenhagens neues Kunstjuwel: „Copenhagen Contemporary“

Gegenwartskunst Kopenhagens neues Kunstjuwel: „Copenhagen Contemporary“

Mitten in Kopenhagen, neben der Oper und gegenüber vom farbenfrohen Hafen Nyhavn, ist ein neuer Kunsttempel eingezogen. Installationen internationaler Künstler wie Yoko Ono ziehen Besucher in Scharen an.

Ein Ort für große Kunst: Das „Copenhagen Contemporary“.

Quelle: Anders Sune Berg/copenhagen Contemporary

Kopenhagen. Der Eingang ist unscheinbar, abgesehen von zwei leuchtend-roten Buchstaben auf dem Dach. Er würde fast gar nicht auffallen, stünden nicht zahlreiche Bäumchen in wuchtigen Töpfen davor, die den Betrachter unwillkürlich anziehen.

An den dünnen Ästen von Magnolien und Kirschbäumen flattern Zettelchen im Wind, auf denen Kopenhagener und Touristen Wünsche hinterlassen haben. „Ein Pony“ steht auf einem, von krakeliger Kinderhand geschrieben. „Ich wünsche mir einen Job“ auf einem anderen. Der „Wish Tree Garden“ ist eine Installation der japanischen Künstlerin und Lennon-Witwe Yoko Ono.

Sie ist der äußere Blickfang, der Besucher ins Innere einer neuen Attraktion der Kopenhagener Kunstszene locken soll: der Ausstellungsfläche „Copenhagen Contemporary“. Im Sommer sind hier in vier 800 Quadratmeter großen Hallen Installationen internationaler Künstler eingezogen. Darunter war auch das minimalistische Werk „unidisplay“ des Chemnitzers Carsten Nicolai, das im Oktober mit einem Konzert des Musikers unter seinem Pseudonym „alva noto“ endete.

Am Freitag (25. November) kommt neues Leben in Halle 4. Der französische Gegenwartskünstler und Komponist Céleste Boursier-Mougenot verwandelt 650 Quadratmeter in eine Voliere, die bis März kommenden Jahres 88 Zebrafinken bevölkern werden. In ihrem Reich aus Sand und Strandhafer, durch das ein Pfad für Besucher führt, hat Boursier-Mougenot 17 E-Gitarren und Bässe auf Beckenständern aufgespießt. Indem die Finken mal auf den Saiten des einen, mal auf denen des anderen Instruments landen, erfüllen sie den Raum mit immer anderem Klang. „Jeder Moment ist einzigartig, du wirst nie dasselbe noch einmal erleben“, sagt der Künstler.

Es ist die 21. Version seines Werks „from here to ear“, das er seit 1998 in vielen Städten auf der Welt gezeigt hat. Wie die Vögel, die von einem Züchter aus Jütland stammen, ist Boursier-Mougenot eineinhalb Wochen vor der Eröffnung angereist. Jeden Tag hat er seitdem in der Halle verbracht. Glucken die Zebrafinken in einer Ecke zusammen, rückt er das Futter an einen anderen Ort. Zeigen sie einer Gitarre die kalte Schulter, platziert er diese einen Tick höher. Der Sound sei nicht zufällig, sagt der Franzose. Alles hat System. „Für mich ist das, wie ein Werk in Arbeit ('Work in progress') zu komponieren. Ich muss alles antizipieren, was passieren kann, damit es gut klingt.“ Jeden Tag stimmt er die Gitarren, jede ist anders eingestellt.

Klar ist aber auch: „Es gibt einen unbekannten Faktor.“ Für Boursier-Mougenot ist die Schau eine Herausforderung, noch nie hat er sein Zebrafinken-Live-Konzert auf einer so großen Fläche präsentiert. Beim letzten Mal, in Schottland, spielte sich alles auf nur 70 Quadratmetern ab. „Ich muss verstehen, dass die Gegebenheiten immer anders sind“, sagt der Künstler. In der riesigen Kopenhagener Halle wirkten die Vögel in den ersten Tagen nervös.

Für das Team hinter „Copenhagen Contemporary“ ist die Größe gerade der Trumpf. „Wir fanden, dass Kopenhagen ein Ort fehlte, an dem man die großen Formate der Gegenwartskunst zeigen kann“, sagt Kuratorin Jannie Haagemann. Auf dem früheren Industriegelände, das jahrelang für die Öffentlichkeit unzugänglich war, ist Platz für Videoinstallationen wie die von Ragnar Kjartansson, der bis Februar 2017 mit seinen „Scenes of the Western Culture“ (2015) - Alltagsszenen auf gigantischen Leinwändern - in Kopenhagen gastiert.

Unter die Haut geht das Performance-Werk „A Lot of Sorrow“ (2013), das der Isländer ebenfalls mit in die dänische Hauptstadt gebracht hat. Ein Film dokumentiert, wie die US-Band The National ihren Song „Sorrow“ sechs Stunden lang ohne Unterbrechung spielt. Nebenan sind mehrere Installationen des US-Amerikaners Bruce Nauman zu sehen.

„Wir möchten auch Menschen anlocken, die sich normalerweise keine Kunstausstellungen ansehen“, sagt Haagemann. Neben den Einheimischen kommen viele Urlauber. 200 Besucher sind es am Tag, schätzt die Kuratorin, knapp 30 000 insgesamt seit Juli. Die Insel Christiansholm, im Volksmund „Papirøen“ („Papierinsel“) genannt, weil hier früher Papier gelagert wurde, hat sich innerhalb weniger Jahre zum Touristenmagneten entwickelt. Streetfood-Fans strömen in Massen hierher, seit 2014 in einer der Lagerhallen Dutzende Foodtrucks und Stände eröffneten und seitdem alles von Gourmet-Hotdogs über Bio-Burger bis zu exotischen Wraps feilbieten.

Ende 2017 ist aber zumindest an diesem Ort Schluss mit dem Streetfood-Markt - und womöglich auch mit „Copenhagen Contemporary“. Denn dann enden die Mietverträge, und die Stadt hat große Umbaupläne für die Insel. In der unschlagbaren Lage neben der Oper und gegenüber vom farbenfrohen Hafen Nyhavn sollen Wohnungen, ein Schwimmbad - und auch eine neue Kunsthalle auf 4000 Quadratmetern entstehen. Um die Fläche hat sich auch das Team hinter „Copenhagen Contemporary“ beworben, das sich privat und aus Eintrittsgeldern finanziert. Klappt es nicht, soll „CC“ an anderer Stelle in Kopenhagen ein neues Zuhause finden. „Wir wollen richtig gerne weitermachen“, sagt Haagemann.

dpa

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