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Laura Poitras verbildlicht den Überwachungsstaat

New York Laura Poitras verbildlicht den Überwachungsstaat

Unentwegt tickern die Daten, unsichtbar gleiten die Drohnen. In ihrer ersten Solo-Ausstellung verwandelt Laura Poitras den Besucher vom Außenstehenden zum Objekt der Überwachung. Sie schafft beklemmende Bilder einer Welt, in der es unmöglich geworden ist, allein zu sein.

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„Astro Noise“ im Whitney Museum of American Art in New York.

Quelle: Johannes Schmitt-Tegge

New York. Schock, Angst, Trauer. Fassungslos hält eine Frau mit verweinten Augen die Hand vor den Mund. Auch die Passanten um sie können nicht wegsehen, starren in dieselbe Richtung: auf die Trümmer des World Trade Center nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Dunkel, bedrohlich singen verzerrte Chöre dazu eine Hymne der Furcht, eine dekonstruierte Fassung der amerikanischen Nationalhymne, aufgenommen im New Yorker Yankee Stadium nur Wochen nach der Attacke.

Dass Laura Poitras ihre neue Ausstellung „Astro Noise“ mit der Installation „O'Say Can You See“ beginnt, ist nach den Enthüllungen der vergangenen Jahre kaum überraschend. 9/11 war die Stunde Null des amerikanischen Überwachungsstaats, der Terrorverdächtige foltert und mit Kampfdrohnen tötet, der Menschen willkürlich einsperrt und Bürger und Verbündete ausspäht. Seitdem arbeitet Poitras - als Journalistin, Filmemacherin und visuelle Künstlerin.

„Deep state“ hat sie diesen Staat getauft, den versteckten „tiefen Staat“, den seine Bewohner nie gewählt haben. Auf düstere und beklemmende Weise vertont und bebildert sie die umstrittenen Mittel des Anti-Terror-Kampfs in ihrer ersten Solo-Schau, die im New Yorker Whitney Museum ab Freitag zu sehen ist. „Ich verfolge mit dieser Arbeit keinen politischen Zweck“, sagt sie. „Ich mache diese Arbeit, weil mir die Themen wichtig sind.“

Die Flut der Daten, die streng geheimen Maßnahmen der US-Regierung: Poitras macht das Unsichtbare sichtbar. Wie in ihrer Oscar-gekrönten Dokumentation „Citizenfour“, die Leuchtröhren im dunklen Tunnel und Code-Absätze aus verschlüsselten Botschaften zeigt, visualisiert Poitras im Whitney ein Thema, das sich kaum verbildlichen lässt. Darauf spielt auch der Titel an: „Astro-Rauschen“ bezieht sich auf die das ganze Universum erfüllende Hintergrundstrahlung, die nach dem Urknall entstand. Und Whistleblower Edward Snowden hatte so eine Datei zur NSA-Spionage benannt, die er Poitras 2013 zuspielte.

Auf grellbunten Drucken zeigt Poitras etwa den Datenfluss eines Satelliten oder das Signal einer israelischen Drohne. Von Zypern aus hatten die britischen und US-Geheimdienste GCHQ und NSA Bilder und Daten abgefangen, um Militäroperationen in Gaza zu überwachen und mögliche Schläge gegen den Iran zu beobachten. Dank des Datenschatzes von Snowden kamen die bisher unveröffentlichten Bilder der Operation „Anarchist“ ans Licht. Nun haben sie innerhalb einer Woche den Sprung aus den Schlagzeilen an die Wand einer Kunstausstellung geschafft.

Doch Poitras' Ziel ist nicht, das dunkle Wirken offenzulegen, das hat sie längst getan. Stattdessen macht sie den Zuschauer zum Objekt. In „Bed Down Location“ legen sich Besucher auf eine breite Schaummatte und blicken in einen von Drohnen durchzogenen Video-Himmel - nur um Minuten später festzustellen, dass sie einen Raum weiter auf einer Wärmebildkamera zu sehen waren. Gelborange bis dunkelrot glimmen dort die zu Zielscheiben gewordenen Körper, ihre Wärme-Stempel verblassen langsam zu Blau, wenn sie aufgestanden sind.

Ein paar Schritte weiter tickern weiße Zahlenreihen über einen schwarzen Bildschirm - es sind die Wireless-Signale aus den Handys vorbeigehenden Museumsbesucher. „Ich mag es, Räume zu erzeugen, die den Betrachter herausfordern und eine Entscheidung von ihm verlangen. Meine Filme handeln von diesen Fragen: Was tun Menschen, wenn sie mit Entscheidungen und Risiken konfrontiert werden“, sagt die 52-Jährige.


Whitney Museum zur Ausstellung
"The Intercept" zur Operation "Anarchist"

dpa

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