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Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz gestorben

Budapest/Berlin Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz gestorben

Auschwitz war sein Lebensthema, der „Roman eines Schicksallosen“ sein Opus Magnum. Nun starb Nobelpreisträger Imre Kertesz in Budapest. Auch in Deutschland würdigt man seine Verdienste.

Budapest/Berlin. Die literarische Welt trauert um den ungarischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz. Er starb am Donnerstag im Alter von 86 Jahren nach langer Krankheit in seiner Wohnung in Budapest, wie sein ungarischer Verleger und der Rowohlt Verlag mitteilten.

Der Überlebende des Holocaust genoss weltweit hohe Wertschätzung. Bundestagspräsident Norbert Lammert und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigten Kertesz als authentische Stimme der Opfer der Schoah. 

Kertesz wurde 1929 in Budapest als Kind einer jüdischen Familie geboren. Als Jugendlicher überlebte er die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Die dabei gewonnenen Erfahrungen flossen in sein Hauptwerk „Roman eines Schicksallosen“ ein. Zugleich beschäftigte sich Kertesz in seinen Romanen und Essay-Bänden intensiv mit dem totalitären Sozialismus, den er als Erwachsener in seiner Heimat Ungarn erlebte.  

2002 erhielt Kertesz als erster Ungar überhaupt den Literaturnobelpreis. Die Schwedische Akademie schrieb in ihrer Begründung: „Kertész literarisches Werk erforscht die Möglichkeit, noch als Einzelner in einem Zeitalter zu leben und zu denken, in dem die Menschen sich immer vollständiger staatlicher Macht untergeordnet haben.“ Auschwitz sei für den Ungarn keine Ausnahmeerscheinung, sondern „die letzte Wahrheit über die Degradierung des Menschen im modernen Dasein“.

Die Anerkennung in seiner Heimat blieb ihm jedoch lange Zeit versagt. In den 2000er-Jahren lebte er längere Zeit in Berlin. 2012 zog er nach Budapest zurück. Zu diesem Zeitpunkt litt er schon seit mehreren Jahren an der Parkinson-Krankheit, die ihn in seinem Schaffen zunehmend einschränkte. 2014 erhielt er den Stephansorden, die höchste staatliche Auszeichnung Ungarns. 

Der ungarische Autor habe mit seinem ‎bedeutenden Wirken den Opfern der Schoah eine Stimme ‎gegeben - „eine Stimme, die seinen Tod überdauert“, schrieb Bundestagspräsident Lammert. Kulturstaatsministerin Grütters würdigte Kertesz als „charismatischen Nobelpreisträger“ und als „stillen Mahner“. Christoph Heubner, der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, hielt fest: „Seine Erinnerungen, die er in die Gegenwart und Zukunft aller Menschen formuliert hat, beschreiben ohne Pathos, aber mit grenzenlosem Schmerz und völliger Klarheit, wozu der Mensch in Auschwitz fähig war und wozu er fähig bleibt.“  

Ein Abschlussband der Tagebuchveröffentlichungen Kertesz soll im Herbst auf Deutsch herauskommen. Dies kündigte der Rowohlt Verlag an. Der Band sei am 10. März in Ungarn erschienen. Die deutsche Übersetzung wird den Titel „Der Betrachter - Aufzeichnungen 1991-2001“ haben. Das Reinbeker Verlagshaus veröffentlichte zuletzt „Letzte Einkehr“ (2013), die Tagebücher von 2001 bis 2009,  sowie ein Roman-Fragment unter dem selben Titel (2015). „Er war einer der Großen der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts“, würdigte Rowohlt den Autor.

Der Budapester Oberbürgermeister Istvan Tarlos bezeichnete in einem Kondolenzschreiben den Tod von Kertesz als „unersetzbaren Verlust für die ungarische Kultur“. Der Verstorbene war seit 2002 Ehrenbürger der ungarischen Hauptstadt. Ihr Beileid drückten auch die ungarische Regierung, der aus Ungarn stammende EU-Kommissar für Erziehung und Kultur, Tibor Navracsics, der Verband der jüdischen Gemeinden in Ungarn (Mazsihisz) sowie die Vertreter der Oppositionsparteien aus.

dpa

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