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Madrids umstrittene Suche nach Cervantes

Madrid Madrids umstrittene Suche nach Cervantes

Seit dem 17. Jahrhundert waren die Gebeine von Miguel de Cervantes verschollen. Doch pünktlich zum 400. Todestag glaubt man, sie gefunden zu haben. DNA-Tests gibt es aber nicht. Dennoch will die Regierung Kapital daraus schlagen. Viele stört das.

Madrid. Die Touristenströme, die an diesem lauen Aprilabend durch das Madrider Literatenviertel ziehen, haben neben den vielen guten Kneipen und Restaurants der Gegend vor allem ein Ziel: das Haus des Miguel de Cervantes.

Vor der Gedenktafel an der Hausnummer zwei der Calle de Cervantes bleiben Besucher aus aller Welt kurz stehen, knipsen fröhlich und ziehen weiter. Jorge will aber wissen: „Hier in der Nähe liegt er doch begraben, oder?“ Auf die Frage nach der letzten Ruhestätte des vor 400 Jahren gestorbenen spanischen Nationaldichters gibt es für den 21-jährigen Touristen aus Venezuela zwar eine „offizielle“, aber keine zweifelsfreie Antwort.

Die offizielle Version lautet: Die seit dem 17. Jahrhundert verschollenen Gebeine des legendären „Don Quijote“-Autors (1547 - 1616) wurden nach einigen gescheiterten Initiativen im März 2015 im Untergrund des Klosters „San Ildefonso de las Trinitarias descalzas“ gefunden - nur rund 200 Meter vom Cervantes-Haus entfernt. Drei Monate später weihte die damalige Bürgermeisterin Ana Botella mit großem Zeremoniell im Kloster ein Grabstätten-Monument ein. Die Welt werde nun Cervantes ehren können, sagte sie.

Bei der knapp einjährigen Suche - ein Prestigeprojekt von Botella - waren unter Leitung eines 30-köpfigen Expertenteams unter anderem Bodenradare eingesetzt worden. Mehr als 100 000 Euro wurden ausgegeben. In Grabnischen wurden allerdings keine ganzen Skelette, sondern nur einzelne, schlecht erhaltene Knochenreste mehrerer Personen entdeckt - unter anderem angeblich auch von Cervantes' Ehefrau Catalina de Salazar.

Im Kloster, das steht fest, wurde der Schöpfer des „Ritters von der traurigen Gestalt“ beigesetzt, als er mit 68 Jahren verarmt mutmaßlich an Diabetes starb. Die Überreste verlor man aber bei mehreren großen Umbauarbeiten im 17. Jahrhundert aus den Augen.

DNA-Beweise für die vielgefeierte Entdeckung gibt es nicht - auch deshalb, weil es keine lebenden Nachkommen von Cervantes geben soll. Der Chef des Forscherteams, Francisco Etxebarria, räumte damals ein, es gebe „keine absolute Gewissheit“, man verfüge aber über „historische, archäologische und anthropologische Beweise“. Unter anderem waren in einer Grabnische Holzreste eines Sarges mit den Buchstaben „M.C.“, den Initialen des Autors, gefunden worden.

„Ist er's wirklich?“, fragen sich viele nicht nur im Barrio de las Letras, dem Literatenviertel. Polemische Kommentare und Zweifel gibt es aber nicht nur in der Frage der Identifizierung der Überreste. Madrids Stadtväter wollen die Krypta der Öffentlichkeit zugänglich machen, sobald die Untersuchungen der entdeckten Knochenreste von insgesamt 17 Menschen, darunter vielen Kindern, abgeschlossen sind.

Mehrfach war in Madrid auf das Beispiel von Stratford-upon-Avon hingewiesen worden. Das verschlafene Nest im Herzen Englands macht mit dem Geburtshaus von William Shakespeare, der ebenfalls im Frühjahr 1616 starb, Riesengeschäfte.

Aber nicht wenige Vertreter der spanischen Kulturwelt meinen, man habe so etwas wie Grabschändung betrieben. „Man hätte die Gebeine von Cervantes niemals betatschen dürfen“, sagte der Journalist und Schriftsteller Fernando del Pozo. Und eine Koryphäe der iberischen Literaten-Welt, Cervantes-Preisträger José Manuel Caballero Bonald (89), klagte, der Romanschreiber, Dichter und Theaterautor werde in Zukunft zur „touristischen Werbereklame“ degradiert werden.

dpa

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