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Marion Ackermann: Ehrfurcht vor dem Museum beseitigen

Menschen erreichen Marion Ackermann: Ehrfurcht vor dem Museum beseitigen

Marion Ackermann ist anerkannte Expertin für Gegenwartskunst. Ihre Erfahrungen will sie mit Tradition und Geschichte in den Dresdner Sammlungen verbinden - und setzt dabei auch auf neue Ideen.

Dresden. Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), Marion Ackermann, will das Handwerkliche in der Kunst sichtbar machen. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht sie eine Woche vor Amtsantritt über Pläne und Ideen:

Frage: Wo sehen Sie noch nicht ausgeschöpftes Potenzial der Sammlungen, wo muss man das Gewohnte aufbrechen?

Antwort: Geschichte ist hier ja avantgardistisch und sehr speziell. Es gibt bestimmte Schwerpunkte, die immer schon zukunftsweisend waren wie die Materialtechnologie. Es ist wichtig, mit solchen Stärken und gewachsenen Traditionen zu arbeiten, nicht in Rückwärtsgewandtheit und Stillstand, sondern als Inspiration, um sich weiterzuentwickeln. Das kann man mit den Künstlern tun, auch mit denen, die schon ein Standing haben in der Kunstwelt. Eine Chance liegt da auch in der aktuellen Vielschichtigkeit von Menschen und Befindlichkeiten. Starke Emotionen interessieren Künstler immer.

Frage: Wie kann künftig Publikum gewonnen und gebunden werden?

Antwort: Viele Räume können Versammlungsstätten und Treffpunkte sein. Ich möchte intensiver mit Menschen arbeiten, um ihre Sichtweisen kennenzulernen. Wir müssen den Abstand der Superinstitution Museum überwinden, die Ehrfurcht beseitigen und einen eigenen Weg zur Kunst bieten, statt sie autoritär zu erklären. Wir müssen überlegen, was können Museen, Kultur und Kunst leisten, um positiv in die Gesellschaft hinein zu wirken. Der entscheidende Ansatz ist: Wenn man einen Menschen erreicht, funktioniert es wie ein Schneeballsystem.

Frage: Wo sehen Sie als Chefin so vieler unterschiedlicher Sammlungen Schwerpunkte?

Antwort: Sehr stark im Bereich der Forschung. Aber genau so, wie Kunst kein reiner Selbstzweck sein sollte, bin ich auch dafür, dass Forschung das nicht ist. Wir müssen genau überlegen, warum forschen wir, was machen wir mit den Ergebnissen. Es ist ganz wichtig, dass Dresden seine herausragende Rolle behält, als einzigartiger Verbund forschender Museen. International hat der Verbund eine große Reputation, das ist kostbar, muss weiter gepflegt und ausgebaut werden. Und das zweite Standbein neben der Forschung ist die Frage der Vermittlung.

Frage: Reicht die herkömmliche Museumspädagogik da noch aus?

Antwort: Die Arbeit an der Schnittstelle zum Publikum muss intensiver als bisher durchdacht und umgesetzt werden. Das Prinzip der Werkstatt hat sich in Düsseldorf sehr bewährt, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Das ist auch ein perfektes integratives Mittel. Ebenso wichtig ist das Praktische. Durch alle Sammlungen zieht sich das Angewandte, und hier hat Handwerk überlebt, das es im Westen nicht mehr gibt. Das ist etwas Kostbares. Ich möchte mit den Direktoren schauen, ob man eine Art vorprofessionelle Ausbildung verbunden mit dem Museum machen kann, um es lebendig zu halten. Das kann auch verschiedene Gesellschaftsschichten verbinden. In London fragen sich viele nach dem Brexit-Beschluss, ob man nicht zu abgehoben, zu akademisch, zu intellektuell war. Und „Craft“, also das Handwerkliche in der Kunst, kommt gerade ganz stark zurück.

ZUR PERSON: Marion Ackermann leitet seit 2009 die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Die international vernetzte Kunsthistorikerin mit Mut zum Experiment begann ihre Karriere als Kuratorin der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München, 2003 bis 2009 war sie Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart. Ab 1. November hütet sie den sächsischen Staatsschatz.

dpa

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