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Museum über Indiens Teilung eröffnet

Traumatische Erinnerung Museum über Indiens Teilung eröffnet

Die Freude über die Unabhängigkeit Indiens ging mit dem Trauma der Teilung einher. Der Schmerz sitzt so tief, dass erst 70 Jahre danach ein Museum dazu entstanden ist.

Der Regierungschef des indischen Bundesstaates Punjab, Amarinder Singh (M), eröffnet das Partition Museum in Amritsar (Indien).

Quelle: Nick Kaiser

Amritsar. Bei brütender Mittagshitze erklingt in einem Festzelt im nordindischen Amritsar mystischer Qawwali-Gesang aus den Kehlen der jungen „Sufi Sisters“. Später wird der berühmte Dichter Gulzar auftreten.

Dazwischen kommt das Hauptprogramm: Der Regierungschef des Bundesstaates Punjab, Amarinder Singh, eröffnet offiziell im alten Rathaus der Stadt das erste Museum, das sich der Teilung Britisch-Indiens und ihrer blutigen Folgen widmet. Es ist genau 70 Jahre her, dass die scheidenden Kolonialherren die Grenzlinien zwischen den neuen, unabhängigen Staaten Indien und Pakistan bekanntgaben.

Er habe im japanischen Hiroshima einen Mann getroffen, der die Stimmen der Überlebenden des Atombombenabwurfs einfing, erzählt auf der Bühne Ravi Chakran, ein Treuhänder des Museums. Ihm sei klar geworden, dass Indiens „Partition“ nur zwei Jahre später geschehen sei, und dass es wohl bald keine Zeitzeugen mehr geben werde. Im „Museum of Jewish Heritage“ in New York habe ihm zudem der dort prominent dargestellte, berühmte Spruch „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ zu denken gegeben. „Ich kam zu der Überzeugung, dass wir unser eigenes Museum über Indiens Teilung bauen müssen“, sagt er.

Das „Partition Museum“ erinnert mit Videos erzählender Zeitzeugen, persönlichen Gegenständen von Betroffenen, Informationstafeln, Kunstinstallationen, gruseligen Bildern verwesender Leichen und Zeitungen von 1947 an eine für Inder wie Pakistaner traumatische Zeit. Bis zu 15 Millionen Menschen wurden vertrieben oder flohen vor Massakern zwischen den Religionsgruppen. Muslime gingen in das für sie gegründete Pakistan, Hindus und Sikhs in das mehrheitlich hinduistische Indien. Sie erlitten unterwegs furchtbare Grausamkeiten, und viele kamen nie an. Die Schätzungen der Zahl der Todesopfer schwanken zwischen einer Million und zwei Millionen.

Es sind kaum Überlebende zur Einweihung des Museums gekommen, das im vergangenen Oktober bereits teileröffnet worden war. Es gibt nicht mehr viele von ihnen, und die meisten Übriggebliebenen sind zu alt für einen solchen Ausflug. Umso wichtiger erscheint es, dass es nun einen Ort gibt, wo ihrer Erlebnisse gedacht wird. Lange hatte sich Indien nicht an dieses Kapitel seiner Geschichte erinnern wollen.

„Viele Leute wollten es einfach unter den Teppich kehren“, erzählt die Museumsbesucherin Raman Mann, die zur Zeit der Teilung vier Jahre alt war, der Deutschen Presse-Agentur. „Andere, die das ganze Leid und Trauma erlebt hatten, wollten es aus ihren Gedanken streichen.“

Mann ist eine Dokumentarfilmemacherin, die vor wenigen Jahren aus Indiens Hauptstadt Neu Delhi zurück in ihre Heimat Punjab gezogen ist. Im Jahr der Teilung sei sie zu ihren Großeltern geschickt worden, erzählt sie. Ihr Elternhaus sei voll von Flüchtlingen aller Religionsgruppen gewesen, denen ihr Vater geholfen habe, ihr Ziel sicher zu erreichen. Trotz seiner guten Taten habe auch ihr Vater, ein indischer Armeeoffizier, später nicht über das Erlebte sprechen wollen. Zu schockierend sei das Elend gewesen.

„Ich habe manchmal Schuldgefühle, weil meine unmittelbare Familie der Gewalt entkommen ist“, sagt Mann. Nichtsdestotrotz bekam auch sie als kleines Kind mit, was geschah. Das Haus ihrer Großeltern sei in der Nähe eines Bahnhofs gewesen. „Wenn ein Zug einfuhr, hörten wir erst das Pfeifen des Zuges und dann lautes Schreien und Klagen von Leuten, die gekommen waren, um zu sehen, ob ihre Angehörigen im Zug waren - und diese massakriert vorfanden.“

Nicht in jeder Familie war die Teilung ein Tabuthema. „Wir sind nicht mit Märchen aufgewachsen, sondern mit den blutigen Geschichten der Teilung, die unsere Großeltern erlebt hatten“, erzählt der 28-jährige Anwalt Gurshamshir Waraich. Er will ein Buch über Teilungen auf der ganzen Welt schreiben, auch über die deutsche.

Waraich gehört der Sikh-Religionsgemeinschaft an, deren Männer mit ihren Turbanen und langen Bärten das Stadtbild von Amritsar bestimmen. Hier, kaum 30 Kilometer von der Grenze entfernt, steht ihr wichtigstes Gotteshaus, der Goldene Tempel. Die historische Hauptstadt ihrer Heimatregion Punjab ist allerdings Lahore, das heute in Pakistan liegt.

Die am 17. August 1947 gezeichnete Radcliff-Linie, der nach dem britischen Vorsitzenden der Grenzkommission benannte Grenzverlauf, zeugte von wenig Gefühl für Geschichte und ethnische Zusammensetzung der Region - wie viele andere von Kolonialmächten gezogenen Grenzen auf der Welt. Ähnlich wie die Berliner Mauer zerriss sie Familien und Gemeinden. Punjab war plötzlich zweigeteilt.

„Für die Inder war es die Unabhängigkeit, aber für die Punjabis eine Teilung“, meint Waraich. Es sei kein Zufall, dass das erste Museum hier in Punjab entstanden sei, und dazu aus privater Hand, und nicht etwa auf staatliche Initiative in der indischen Hauptstadt. „Punjab hat den Verlust erlitten und den Preis für diese Nation bezahlt.“

dpa

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