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Nibelungen-Stück als „verrückte Zeitreise“

«Glut»-Premiere Nibelungen-Stück als „verrückte Zeitreise“

Das neue Stück der Wormser Nibelungen-Festspiele nimmt Bezug auf ein historisches Ereignis. Es gehe um den „Dschihad der Deutschen“, sagt der Autor. Er präsentiert den Stoff als Agentengeschichte in einem Zug.

Das Ensemble der Nibelungen-Festspiele 2017.

Quelle: Uwe Anspach

Worms. Elegante Damen, verschwiegene Agenten, zwielichtige Gestalten: Das neue Stück der Wormser Nibelungen-Festspiele hält wieder ein ganzes Potpourri an Charakteren parat.

In diesem Jahr erwartet die Zuschauer vor der Kulisse des Doms aber mehr als eine Neuinterpretation der Nibelungensage mit großen Namen aus Film und Fernsehen. Wenn sich am Freitag (4. August) der Vorhang für das Stück „Glut“ hebt, wird ihnen eine Geschichtsstunde der besonderen Art geboten. „Es wird eine sehr wilde, turbulente, verrückte Zeitreise“, verspricht der Festspiel-Intendant Nico Hofmann.

Der Autor Albert Ostermaier, der zum dritten Mal für die Festspiele tätig war, hat den Stoff mit einer Begebenheit verknüpft, die erst in den vergangenen Jahren größere Aufmerksamkeit erlangt hat. Es geht um die im Ersten Weltkrieg von den Deutschen verfolgte Strategie, den Dschihad - den „Heiligen Krieg“ - anzufachen, um so die Position der Briten und anderer Gegner im Nahen Osten zu schwächen. „Es ist ein Stück über den Dschihad der Deutschen“, hat Ostermaier gesagt - und ergänzt, dass das Stück „ins Herz unserer Gegenwart“ führe.

Schon die Ausgangssituation verspricht Spannung: Im Kriegsjahr 1915 reist eine Gruppe deutscher Offiziere mit dem Zug durch den Orient. Die Männer und Frauen sind getarnt als Gauklertruppe, die die Geschichte der Nibelungen spielt. Tatsächlich aber geht es gegen die Briten, die die persischen Ölfelder kontrollieren. Hier will man nach Möglichkeit großes Unheil anrichten. Die von Hauptmann Klein (Heio von Stetten) angeführte Truppe stößt dabei auf Scheich Omar (Mehmet Kurtulus), der dafür sorgt, dass die arabische Sicht der Dinge nicht zu kurz kommt.

„Bei „Glut“ erwartet Sie ein Krimi, ein fellineskes Roadmovie im Zug“, sagt Hofmann. Zugleich sei das Stück aber hochaktuell und extrem politisch. „Wir reden über den Umgang mit Kulturbegriffen, mit Übergriffigkeiten, darüber, wie Länder andere Länder untertan machen wollen. Der Stoff von Ostermaier hat für mich viel mit momentan äußerst egozentrischen Befindlichkeiten zu tun. Und mit Verlust von Toleranz.“

Wie in den vorangegangenen Ostermaier-Stücken wird das nicht moralinsauer transportiert, sondern eingebettet in Dialoge allerlei Charaktere. Mit im Zug sitzen der französische Waffenhändler Monsieur Vulture (David Bennent), der Polizeichef Enver Sahin (Oscar Ortega Sánchez) und der Russe Prinz Igor (Ismail Deniz), außerdem die Doppelagentin Lady Adler (Valerie Koch) und der britische Major Lord Lawrence Hawk (Waldemar Kobus).

Zur Gauklertruppe „otung“ gehören ferner Leutnant Stern alias Siegfried (Till Wonka), Gertrude Nachtigall-Bellhhof alias Brünhild (Alexandra Kamp) und die Sängerin Halide Vogel alias Walküre (Nadja Michael). Es stoßen dazu Gräfin Falke (Dennenesch Zoudé) und ihr Sohn Faisal (Cem Lukas Yeginer). Auch Richard Wagner ist dabei - in variierter Form: Die Komponisten Vivan und Ketan Bhatti haben Stücke aus Wagners Ring verfremdet, mit orientalischen Elementen kombiniert und in experimentelle Klangcollagen verwandelt.

„Das Stück ist eine Fusion aus Theater, Zirkus und Musik - in diesem Fall mit Wagner“, sagt Hofmann. „Mir gefällt, wie Nuran David Calis mit all diesen Ebenen spielt.“ Calis, der erneut Regie führt, hat es in der Tat mit allerlei Ebenen zu tun: Denn „Glut“ hat viele direkte und indirekte Bezüge zur Nibelungensage und dem Nibelungenlied. Nach Darstellung der Festspiele spielt es - „wenn man die Parallele zieht, auf dem Weg der Burgunder zu Etzels Hof, wo sie von Kriemhild an eine gemeinsame Tafel eingeladen sind“. Im Nibelungenlied beginnt dort das große Töten.

dpa

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