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Punkt-Komma-Strich: Hygiene-Museum zeigt Gesicht

Natürliche Vielfalt Punkt-Komma-Strich: Hygiene-Museum zeigt Gesicht

Das Gesicht ist Visitenkarte und Projektionsfläche. Es wird vermessen, verändert, gescannt und gepostet. Die Möglichkeiten, es zu ergründen und zu nutzen, sind längst nicht erschöpft.

Die Kuratorin der Schau, Kathrin Meyer, vor dem Bild „Rigged“ von Kate Cooper (2014).

Quelle: Oliver Killig

Dresden. Von Sokrates bis face-to-face: Lange Wimpern, glatte Haut, große blaue Augen, die Frau im Video der Künstlerin Kate Cooper ist ein Männertraum. Mit aufreizendem Blick und Augen-Klimpern öffnet sie die Lippen zu einem Lächeln und entblößt - eine weiße Zahnleiste mit Brekkies.

„Sie ist ein Computerprogramm, damit werden kieferorthopädische Produkte vorgeführt“, erklärt Kathrin Meyer, Kuratorin der jüngsten Ausstellung „Das Gesicht“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden (19. August bis 25. Februar 2018).

Das puppenhafte menschenähnliche Antlitz verstört zum Auftakt der  Spurensuche nach dem Gesicht und seinen Bedeutungen, die auf die Idee der Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel zurückgeht. „Die Ausstellung ist ein Angebot, den eingeübten intuitiven Umgang mit dem eigenen Gesicht und denen der anderen in einen reflexiven zu verwandeln“, sagt die Berliner Forscherin.

Dafür wurden rund 300 kulturhistorische und wissenschaftliche Objekte, Medien und Dokumente der Alltagskultur sowie Arbeiten von 25 Künstlern wie Cindy Sherman, Gottfried Helnwein oder Andy Warhol versammelt. Es geht um natürliche Vielfalt und aktive Gestaltung von Make-up bis plastische Chirurgie, um Normen und Moden, Mimik und Ausdruck, Mienenspiele und sichtbare Emotion, aber Videoüberwachung, Selfie-Wahn und Gesichtserkennung.

Exponate aus Vergangenheit und Gegenwart zeigen, dass das Scannen keine Erfindung der Neuzeit ist, von Militär, Geheimdiensten und Unternehmen vorangetrieben und die digitale Technik im Alltag angekommen ist: mit maschinenlesbarem Passbild, nach Gesichtern sortierenden Fotosammlungen oder massenhaft in sozialen Netzwerken zirkulierenden Faces bis zum bargeldlosen Zahlungsverkehr.

Suchten sich Agenten der DDR-Staatssicherheit noch mit Hilfe des „Maskierungskoffers Variante Araber“ zu tarnen, verschönern sich kleine Mädchen heutzutage mit dem Barbie Schmink-Laptop. Und die Ermittler im 21. Jahrhundert brauchen keine Schablonen mehr für Phantombilder, sondern klicken sich Bärte, Glatze oder Brille mit der Maus auf den Bildschirm - mit der Software Facette.

„Das Thema ist vielfältig, endlos und aktueller denn je, betrifft jeden“, erklärt Kuratorin Meyer. Zwischen der Marmor-Büste des griechischen Philosophen Sokrates aus dem dritten Jahrhundert und einem „Lover's Eye“ von 1800 - mit den Augenminiaturen trugen Adlige in England Bildnisse heimlicher Affären unidentifizierbar bei sich - zeugen 70 Köpfe von Schaufensterpuppen von den Idealen von Belle Epoque, Art Deco oder 20. Jahrhundert.

Es gibt Wände mit computerfotografierten „Wolkengesichtern“ und Gesichtsausschnitten oder ein Porträt des Rappers Tupac von Marcel Odenbach, das auch bei näherer Betrachtung überrascht. In Vitrinen und Schaukästen sind Banknoten mit dem Porträt von Queen Elizabeth II., das in Gips gegossene Lächeln von Jack Nicholson als „Joker“ im „Batman“-Film oder eine Aufnahme des Sklaven Frederick Douglass zu sehen, dem meistfotografierten Nordamerikaner des 19. Jahrhunderts.

Für Museumsdirektor Klaus Vogel zeigt ein Gesicht mehr als seine Oberfläche. „Es kann einen Zugang zu tieferen Schichten eines Menschen bieten - wie der Blick in einen tiefen Brunnen.“ Besucher können den eigenen Gesichtsausdruck scannen lassen, wie es Roboter in Supermärkten tun, um die Reaktion auf Werbung zu erkunden, Teil einer Gesichter-Datenbank werden oder sich selbst begegnen.

dpa

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