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Kultur im Rest der Welt Reingold gibt’s nicht
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11:03 15.09.2018
Einer der Wladimirs, mit denen unser Autor gerne assoziiert wird: Wladimir Klitschko. Quelle: WITTERS
Berlin

Wir werden in eine vorgefertigte Welt geboren. Die Eltern, die Lehrer, der Staat stehen Schlange, um das Neugeborene abzustempeln. Seine Personalien werden in einen Pass eingetragen. Dabei haben Personalien mit Personen wenig zu tun. Geburtsjahr, Geburtsort, Name – darauf haben wir keinen Einfluss. Aber wir sind Geiseln unserer Personalien.

In der hiesigen Wahrnehmung werde ich mit zwei weiteren Wladimirs assoziiert, dem Boxer, der nicht mehr boxt, und dem ewigen russischen Präsidenten, den ich nicht mag. Die Menschen fragen mich ständig, wie es den anderen beiden geht, als wären wir eine Gang.

Ich war im Sommer auf Sylt, mein Gastgeber dort hieß Guido Gosch, seine Eltern haben das norddeutsche Fischbrötchen neu erfunden. Der Mann trägt den Fluch des Brötchens durch sein Leben, er wurde bereits in der Schule als „Fischgosch“ gehänselt. Dabei isst er keinen Fisch. Im Westerwald traf ich einen Russlanddeutschen aus Kasachstan, er hieß in der Sowjetunion Reingold mit Vornamen. In Russland galt er als komischer Fremder. In Deutschland hoffte er, endlich andere Reingolds zu treffen. Auf dem Amt erfuhr er jedoch, diesen Namen gebe es nicht. Jetzt heißt er Reinhard.

Vor 100 Jahren, nach der Revolution, haben sich die Russen zu Tausenden umbenannt. Sie wollten in ihrem Namen Sinn und Ziel ihres Lebens tragen. Mein Großvater mütterlicherseits nannte sich Kim – Kommunistischer Internationaler der Jugend. Sein Bruder gab sich den Namen Sorik, kurz für „Vollendete Befreiung der Arbeiter und Bauern“. Beide sind im Krieg gestorben.

Wladimir Kaminer ist gebürtiger Moskauer und Autor in Berlin.

Von Wladimir Kaminer

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