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„Reise ans Ende der Nacht“ - Castorf vertreibt Zuschauer

München „Reise ans Ende der Nacht“ - Castorf vertreibt Zuschauer

„Unsere Reise erfordert viel Phantasie“, sagt Schauspielerin Bibiana Beglau irgendwann nach einer Stunde - oder zwei. „Alles ist ganz und gar erdacht“, fügt sie hinzu.

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Szenenbild aus der «Reise ans Ende der Nacht». Foto: Matthias Horn/Residenztheater

München. „Unsere Reise erfordert viel Phantasie“, sagt Schauspielerin Bibiana Beglau irgendwann nach einer Stunde - oder zwei. „Alles ist ganz und gar erdacht“, fügt sie hinzu. „Das ist Literatur.“ Dann steigt sie in einen Backofen.

Treffender wohl lässt sich dieser Premierenabend kaum zusammenfassen. Oder vielleicht doch: „Lügen, Ficken, Sterben“, erhebt Aurel Manthei, der mehrere Rollen spielt, zum Motto allen Lebens. Es hätte auch das von Regisseur Frank Castorf sein können, der im Residenztheater eine Bühnenversion von Louis-Ferdinand Célines Debütroman „Reise ans Ende der Nacht“ auf die Bühne bringt.

Célines Roman ist eine Geschichte über den Ersten Weltkrieg, über Kolonialismus, Kapitalismus und das Elend der Armen. Aber Castorf wäre nicht Castorf, wenn ihn diese Geschichte großartig interessiert hätte. In bewährter Manier schlägt er viereinhalb Stunden lang ein auf den Stoff, zertrümmert und zerhackt ihn bis zur völligen Unkenntlichkeit. Das Geschichtenerzählen ist seine Sache nicht, war es noch nie.

Und so kümmert er sich auch auf dieser langen Reise in die Münchner Nacht nicht um Chronologie oder gar Verständlichkeit. Er lässt die Reise von Hauptfigur Ferdinand Bardamu (abwechselnd gespielt von Bibiana Beglau und Franz Pätzold) in Afrika beginnen, wo er mit den Auswüchsen des Kolonialismus konfrontiert wird. Während eine afrikanische Frau (Fatima Dramé) vor Schmerz und existenzieller Verzweiflung schreit, jammern die weißen Vertreter der Kolonialmacht über Ratten oder weil sie dringend aufs Klo müssen.

Von da aus springt Castorfs Ferdinand Bardamu in die USA, in die Psychiatrie oder zurück in die französische Heimat. Wo genau er sich jeweils befindet, ist aber eher Nebensache. Denn der Dauer-Intendant der Volksbühne Berlin zelebriert auch in seiner zweiten Arbeit an Martin Kusejs „Resi“ nach dem Wiesn-Drama „Kasimir und Karoline“ (2011) den theatralen Augenblick. Es wird gebrüllt und gespuckt, geflucht, gevögelt und gepinkelt. Theaterblut spritzt, es gibt viele halbnackte Brüste und einen völlig entblößten Phallus, ein Huhn und ein Kaninchen haben den Auftritt ihres Lebens und die Schauspieler spielen und schreien sich die Seele aus dem Leib.

Vor allem Bibiana Beglau und Franz Pätzold (spielt neben Ferdinand auch noch den erblindeten Léon Robinson) holen alles aus sich raus und zeigen eine Palette schauspielerischen Könnens, wie sie selten in einem einzelnen Stück zu sehen ist: von berechnender Kälte bis zu wahnhafter Verzweiflung.

Sie sind es, die die anarchisch zerfasernde Inszenierung zusammenzuhalten versuchen und daran scheitern müssen. Am Ende gibt es für sie trotzdem begeisterten Applaus - zumindest von den Zuschauern, die die streckenweise quälend lange „Reise ans Ende der Nacht“ wirklich bis zum Schluss mitgemacht haben. Viele stiegen schon in der Pause aus oder gaben irgendwann nach drei, vier Stunden auf. Vielleicht applaudiert das Publikum auch sich selbst ein wenig - fürs Durchhaltevermögen.

Ein wütendes Buh-Konzert wie bei seiner Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen im Sommer bleibt Castorf zwar erspart, dabei hätte auch seine Münchner Theaterarbeit durchaus als Oper in Bayreuth aufgeführt werden können.

Nicht nur das beeindruckende, drehbare Bühnenbild (Aleksandar Denić) ist dem der vier Bayreuther „Ring“-Teile mehr als ähnlich. Die Art der assoziativen Inszenierung mit Video-Elementen ist es auch. Hätte es bei der „Reise ans Ende der Nacht“ andere Musik gegeben, es hätte auch Wagners „Ring“ sein können, den Castorf da in München auf die Bühne gebracht hat. Wo Geschichten und Charaktere keine Rolle spielen, ist der Grat zwischen innovativem Anarcho-Theater und völliger Beliebigkeit eben ein ganz, ganz schmaler.

Residenztheater

dpa

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