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Schimmelpfennigs „Das große Feuer“ in Mannheim

Packend Schimmelpfennigs „Das große Feuer“ in Mannheim

Das Nationaltheater Mannheim zeigt, wie globales Einander-Nicht-Verstehen in Gewalt münden kann. Mit hoher Sensibilität inszeniert Burkhard C. Kosminski den schwierigen Stoff. Das Gedankenspiel lässt einen nicht so schnell los.

Szene aus der Inszenierung von Schimmelpfennigs „Das große Feuer“ am Nationaltheater in Mannheim.

Quelle: Christian Kleiner/nationaltheater Mannheim

Mannheim. Am Schluss von Roland Schimmelpfennigs Weltuntergangsstück „Das große Feuer“ fahren Flüchtlinge auf der Suche nach einem besseren Leben aufs Meer hinaus. Die Zerstörungswut eines Großbrands hat ihnen die Heimat geraubt. Doch die Flammen und das Rettungsboot: Der Zuschauer im Nationaltheater Mannheim sieht sie nur in seinem Kopf.

Auf der kargen Bühne liegen lediglich die Fetzen der Papierkulisse, die zeigen: Die Welt ist kaputt. Menschen stehen am Ende - oder am Anfang? Das Premierenpublikum belohnte die Inszenierung von Intendant Burkhard C. Kosminski mit viel Applaus.

Erzählt wird die Geschichte von zwei Dörfern, die anfangs nur ein schmaler Bach trennt. Nach einem eigentlich harmlosen Streit entfremden sich die Bewohner. Ein Dorf bringt es zu Wohlstand, das andere wird von Krankheit, Hunger und Katastrophen heimgesucht.

Am Ende trennen beide Orte ein ganzes Meer sowie ein Zaun und massive gegenseitige Ablehnung. Dennoch machen sich die verzweifelten Menschen im Boot auf den Weg. Ob sie ankommen und aufgenommen werden, bleibt offen.

Kosminski steckt die Darsteller in Bauernkleider, die an den „Jahreszyklus“ (1565) des Malers Pieter Bruegel erinnern. „Die Kostüme schaffen zeitliche Distanz“, sagt der 55-Jährige. Aufzeigen will Kosminski auch die bitteren Folgen der Globalisierung. „Schimmelpfennig verdichtet die globalisierte Welt zu einer Dorfgeschichte. Nichts ist mehr gerecht verteilt“, meint er. Das Stück gibt auch den Blick frei auf eine mögliche EU nach dem Brexit.

Daneben beschäftigt Kosminski etwas anderes: Er sieht in der Gesellschaft eine zunehmende Entfernung vom christlich-humanistischen Weltbild. Wenige Tage nach Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump ist „Das große Feuer“ an diesem Sonntagabend auch eine Kritik an jenen, die Patriotismus sagen - aber Chauvinismus meinen.

Man muss nicht lange suchen, um auch Parallelen zu erkennen zur aktuellen Flüchtlingsdiskussion. Aber darauf will Kosminski die Inszenierung nicht verkürzt wissen. Dabei ist das gerade in Mannheim Alltagsgespräch. Die Stadt hat leerstehende Kasernen und wurde zum Erstaufnahmeort für ganz Baden-Württemberg, sie nahm mehr Menschen auf als die Landeshauptstadt Stuttgart. In Mannheim waren zeitweise bis zu 12 000 Flüchtlinge untergebracht. Bei manchem Bewohner der Stadt führte dies zu diffusen Ängsten. Kombiniert mit niedriger Beteiligung und Protestwählern verhalf dies etwa der AfD in Mannheim zu einem ihrer beiden Direktmandate bei der Landtagswahl 2016.

„Das große Feuer“ verzichtet auf eine konkrete Anklage. In typischer Schimmelpfennig-Manier wenden sich die Schauspieler immer wieder ans Publikum und schaffen damit Distanz zur eigenen Rolle. Besonders Nicole Heesters (79) beeindruckt in ihrem ersten Gastspiel in Mannheim seit sechs Jahren. „Das Stück mutet wie ein Märchen an, steckt aber voller subtiler Katastrophen“, hatte die Tochter von Johannes Heesters vorab gesagt. Im schwarzen Gehrock gibt sie die Erzählerin, die doch immer wieder am Geschehen teilnimmt.

Schimmelpfennig (49), der zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Dramatikern Deutschlands zählt, will mit seinem Gedankenspiel auch zeigen, wie globales Einander-Nicht-Verstehen und die Unfähigkeit, einander zuzuhören, in Gewalt münden können. Untermalt wird das Stück von Musikern des Nationaltheater-Orchesters, die während der rund 90-minütigen Aufführung Teile von Antonio Vivaldis süffigen „Vier Jahreszeiten“ spielen. Nach etwas zögerlichem Beginn wird das schwierige und kontrastreiche Stück mit Begeisterung aufgenommen.

dpa

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