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Siegfried Lenz über den Irrsinn des Krieges

Hamburg Siegfried Lenz über den Irrsinn des Krieges

Sechs Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg schreibt Siegfried Lenz mit 25 Jahren einen packenden Antikriegsroman - und verarbeitet darin auch eigene Traumata von Pflicht und Schuld. Ein Meisterwerk aus dem Nachlass.

Hamburg. Ein Jahr nach dem Tod von Siegfried Lenz (1926-2014) ist im Nachlass des Schriftstellers im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Baden-Württemberg) ein komplett fertiger, aber nie veröffentlichter Roman gefunden worden.

Das Manuskript „Der Überläufer“ hatte trotz Überarbeitung des Autors 1952 im Hoffmann und Campe Verlag nicht erscheinen dürfen. Im politischen Klima der frühen Adenauer-Zeit war dem Verlag die Geschichte des zur Roten Armee übergelaufenen Wehrmachtssoldaten Walter Proska offensichtlich zu brisant. Lenz, damals 25 Jahre jung, hatte zuvor nur seinen Erstling „Es waren Habichte in der Luft“ veröffentlicht.

Erst jetzt - 65 Jahre nach dem Entstehen und knapp anderthalb Jahre nach dem Tod von Lenz - ist der packende Roman erschienen und erobert die Bestsellerlisten. Das Buch klagt die Sinnlosigkeit des Krieges an wie Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ oder das Kriegskapitel in Günter Grass' Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“. Ähnliche Erlebnisse von Lenz lassen vermuten, dass er mit dem Buch eigene Kriegserlebnisse verarbeiten wollte. Schon dieses Frühwerk zeigt Lenz' feinen Sprachstil, wenn auch die Formulierungen häufig noch drastischer und klarer sind als in späteren Werken.

Im Mittelpunkt steht der Soldat Walter Proska. Er stammt wie Lenz aus dem masurischen Lyck. Im Sommer 1944 wird Walter, nachdem er eine Zugexplosion überlebt hat, einer kleinen Einheit an der Ostfront zugeteilt. Diese lebt verschanzt in einer Waldfestung, die keinen Kontakt zur nächsten Dienststelle mehr hat und eine Bahnlinie kontrollieren soll.

Lenz beschreibt in klarer Sprache das höllische, elende und trostlose Leben im Lager der kleinen, versprengten Truppe: Sengende Hitze in den Sümpfen, Angriffe von Mückenschwärmen, Kugelhagel der Partisanen. Kameraden sterben: Zacharias wird beim erfrischenden Bad erschossen, Stani werden Teile des Gesichts weggeschossen und dieses aus Pietät mit einem Taschentuch abgedeckt. Der Leichnam wird einfach in einem Erdloch beerdigt, nicht einmal eine Zeltplane darf als Leichensack dienen, sie werde noch gebraucht. Der kommandierende Unteroffizier Willi Stehauf erschießt hinterrücks einen polnischen Pfarrer. Stehaufs Befehle sind zynisch und menschenverachtend. Und immer wieder ist er darauf bedacht, Wehrmachtseigentum zu schützen.

In ihrer Ausweglosigkeit suchen sich die einzelnen Soldaten Ablenkung: Der Oberschlesier Zwiczosbirski, den Lenz Dialekt sprechen lässt, ist ein leidenschaftlicher Angler wie auch der Autor. Der Soldat führt einen aussichtslosen Kampf gegen einen riesigen Hecht und wird wahnsinnig. Der feuerfressende dicke Koch, der früher Artist war, dressiert sein Huhn Alma.

Und was macht Walter Proska? Er und sein Kumpel Wolfgang, von der Truppe abfällig „Milchbrötchen“ genannt, diskutieren über die „sogenannte Pflicht“. „Dieses Zeug haben sie uns unter die Haut gespritzt. Sie haben uns irre damit gemacht, unselbstständig“, lässt Lenz Wolfgang sagen. Das Thema Pflichterfüllung hat Lenz zeitlebens nicht losgelassen, er hat es in seinem Hauptwerk, dem Roman „Deutschstunde“ (1968), oder der Erzählung „Ein Kriegsende“ (1984) aufgearbeitet.

Ähnlich wie Lenz brechen Walter und Wolfgang nach anfänglicher Euphorie schließlich mit den Nationalsozialisten. Die „abscheuliche Klicke“ - so bezeichnet Lenz im „Überläufer“ die Nazis - muss weg: „Man muß die Kraft haben, einer Sache, der man zwanzig Jahre lang nachgelaufen ist, einen Fußtritt zu geben, wenn man einsieht, daß diese nicht nur falsch, sondern gemein, hinterhältig, gefährlich und mörderisch ist.“

Walter Proska desertiert nach manchen Diskussionen zu den Russen. Wieder eine Parallele zu Lenz, der kurz vor Kriegsende in Dänemark als Wehrmachtssoldat die Truppe verließ. Aus welchen Gründen Walter desertiert, ist nicht offensichtlich. War es bloßer Überlebenswille? Hat ihn Wolfgang, den er als Judas beschimpft, als dieser bereits übergelaufen ist, dazu bewogen? Oder war es die polnische Partisanin Wanda, die er zu Beginn der Geschichte im Zug kennengelernt hat? Diese taucht später wieder in den Sümpfen auf, wo er an einem ruhigen Abend ein Kind mit ihr zeugt.

Auch nach dem Überlaufen erlebt Proska wieder Angst und Schrecken des Krieges. Lenz schildert den selben Grundkonflikt, den die Soldaten auf beiden Seiten der Front durchleiden: Entweder selber töten oder getötet werden. Lenz treibt diesen Gewissenskonflikt dramatisch auf die Spitze: Er lässt Proska seinen Schwager Kurt Rogolski erschießen, als die Rote Armee bei der Eroberung Ostpreußens den Wohnort seiner Schwester Sybba erreicht.

Nach Kriegsende arbeitet Proska in einem Büro in der Sowjetischen Besatzungszone, aus dem immer wieder Menschen verschwinden. Er selbst flieht und findet den Mut, seiner Schwester Maria in einem 15-seitigen Brief zu gestehen, ihren Mann getötet zu haben. Dieser Brief, für den er sich zu Beginn des Buches eine Briefmarke leiht, kommt am Ende zurück. „Jemand hatte mit Kopierstift auf die Rückseite geschrieben: Nicht zustellbar. Empfänger unbekannt verzogen.“

Lenz' Antikriegsroman hat auch 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nichts an Aktualität verloren, wie die Gewalt in der Ukraine, in Syrien oder im Irak zeigen. Oder wenn es im Roman heißt: „Wir müssen uns vor den nationalen Rattenfängern hüten.“

Siegfried Lenz: Der Überläufer. Roman. Hoffmann & Campe Verlag, 367 Seiten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-455-40570-5

dpa

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