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Kultur im Rest der Welt Joni Mitchell – Die Frau, die aus der Kälte kam
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12:01 04.11.2018
Einblicke ins Innerste: Joni Mitchell mit Neil Young beim „The Last Waltz“-Abschiedskonzert von The Band am 25. November 1976. Am 7. November 2018 wird die kanadische Songwriterin, Sängerin und Gitarristin 75 Jahre alt. Quelle: imago/ZUMA Press
Los Angeles

„Wir kommen und gehen unerkannt“, sang Joni Mitchell 1976 im Song „Hejira“. Und es sind einfache Weisheiten wie diese von 1976, die die Frau aus dem kanadischen Alberta zur Herzensangelegenheit für alle Einfühlsamen machten. Viele taten sie als Folkie ab, aber das würde Roberta Joan Anderson, der Tochter eines Luftwaffenoffiziers und einer Lehrerin, nicht gerecht.

Joni Mitchells Sopran tänzelte auf Engelshöhen und in dunklen Tälern

Denn ihre Musik ist komplex, sie bevorzugt ungewöhnliche Akkordwechsel, „Joni’s weird chords“, noch beim zehnten Hören eines Albums entdeckte man als Hörer neue Finessen. Was im März 1968 mit den in der Tat folkigen „Songs for a Seagull“ begann, einem Album nur aus Stimme und offen gestimmter Akustikgitarre, erreichte schon bald jazzige Qualitäten, als sie 1974 mit Tom Scott und vor allem drei Jahre später mit Charles Mingus zusammenarbeitete. Am 7. November wird Joni Mitchell, die Königin der Songwriterinnen, 75 Jahre alt.

Und was für eine Stimme das war: ein tanzender Sopran, der auf Engelshöhen ebenso paradierte wie in dunklen Tälern. Eine Sängerin, die einen Song begann, als wäre sie schon ewig mittendrin, als würde sie ihn ohne Anfang und Ende singen. Die einen tief berührte mit ihren schutzlosen persönlichen Zeilen, die schon in jungen Jahren so klug schienen, als könne sie sich an die Erfahrungen vieler vorheriger Leben erinnern.

Viel hatte Mitchell da tatsächlich schon erlebt, was lange Zeit keiner wusste: eine Kinderlähmung überstanden, 1965 ein Kind geboren und zur Adoption freigegeben. Zart wie Glas sah Mitchell auf der Bühne aus, mit blonden, langen Haaren und diesen markanten Wangenknochen, die von der norwegischen Herkunft ihres Vaters zeugten.

Mit dem Gewicht ihres Namens sang Joni Mitchell gegen Unrecht an

David Crosby hatte sie in Florida auf einem Konzert gesehen, verliebte sich, nahm die „Seemöwenlieder“ mit ihr auf. In Woodstock sollte Mitchell dann spielen, das klappte nicht, und doch schrieb sie die Hymne über die Sternstunde der Blumenkinder – zuerst gesungen von Crosby, Stills, Nash and Young, dann, deutlich zerbrechlicher, von ihr selbst. Fünfeinhalb Minuten pures Lebensgefühl.

Was sie vom Kommerz der Musikindustrie hielt, kommt schon früh in „Big Yellow Taxi“ von 1970 zum Tragen: „Sie haben das Paradies gepflastert, um einen Parkplatz anzulegen“, singt Mitchell da. Sie selbst war eine Suchende, die sich nicht in den kreativen Prozess hineinreden ließ. Und die mit dem Gewicht ihres Namens Protest sang gegen die religiöse Rechte, gegen Umweltzerstörung oder für die benachteiligten First Nations.

Außer mit Jazz fusionierte sie ihren Folk später auch mit Gospel, Rhythm and Blues, Rock, Weltmusik und sogar mit Synthesizerklängen. Und sie schuf unsterbliche Alben wie „Blue“ (1971), „Court and Spark“ (1974), „Chalk Mark in a Rain Storm“ (1988) und „Night Ride Home“ (1991), bei dem sie davon sang, dass all ihr Streben dem einen galt – „aus der Kälte hineinzu-kommen“.

Treffen mit der Tochter – Joni war endlich aus der Kälte heraus

Das Gefühl, endlich „drinnen“ zu sein, kam 1997, als sie ihre Tochter wiederfand und sich mit ihr versöhnte. Danach habe sie das Interesse am Songwriting verloren, verriet sie in Interviews. „Both Sides Now“ (2002) enthielt vorwiegend Jazzstandards, das Doppelalbum „Travelogue“ (2002) bestand aus orchestralen Überarbeitungen älterer eigener Songs.

Erst mit dem bislang letzten Album „Shine“ (2007) gab es wieder neue Stücke von Mitchell – ähnlich spartanisch instrumentiert wie das Frühwerk, nur war die Stimme inzwischen längst von einer angenehmen Patina belegt, ein heiserer Kettenraucherinnen-Alt. Es war Mitchells letzte Musik, bevor sie sich vollends der Malerei widmete. Im Februar 2015 erzählte sie dem Fachmagazin „Rolling Stone“, sie sei eine „Malerin, die Lieder schreibt“.

Einen Monat darauf erlitt Joni Mitchell einen Schlaganfall, an dessen Folgen sie bis heute leidet. Sie wird dennoch im Publikum erwartet, wenn am 6. und 7. November im Dorothy Chandler Pavilion in Los Angeles das Konzert „Joni 75: A Birthday Celebration Live“ stattfindet, wo Stars wie Rufus Wainwright, Norah Jones, Emmylou Harris, Chaka Khan, Kris Kristofferson und Seal Mitchells Songs singen wollen.

Mitchell ist eine der Größten – und doch längst nicht allen bekannt

Für die einen ist Joni Mitchell eine der besten und einflussreichsten Songwriterinnen des 20. Jahrhunderts, eine Frau, auf die sich Prince, George Michael und Elvis Costello beriefen, ohne die es spätere Klassesängerinnen wie Tori Amos, Diana Krall oder Alanis Morissette nicht gäbe. Die anderen haben gerade mal ihr melancholisches „Woodstock“ im Ohr.

Diese anderen haben aber vielleicht in der Liebeskomödie „Tatsächlich … Liebe“ von ihr gehört. Als Joni-Mitchell-Fan Karen bekommt Emma Thompson darin von ihrem Filmgatten Harry (Alan Rickman) das neue Mitchell-Album, während er das Geschmeide, das sie eigentlich erwartet hatte, an seine Sekretärin vergibt. Er ist den jungen Reizen nachgerannt, er hat seine große Liebe verkannt – ein Moment von erhabener Traurigkeit und Lächerlichkeit. Wie Mitchell in „Hejira“ sang: „Wir kommen und gehen unerkannt“.

Von Matthias Halbig / RND

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