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„Star Wars“ statt Strawinsky

Filmmusik „Star Wars“ statt Strawinsky

Seit Jahren brechen Konzerthäusern in den USA die Kartenverkäufe weg. Auf der Suche nach neuen Zuschauern und einer spektakulären Show greifen die Orchester zur Filmmusik aus Blockbustern. Laufen sie Gefahr, Fans von Bach, Brahms und Beethoven damit zu vergraulen?

David Newman dirigiert im Lincoln Center beim „Star Wars“-Konzert das Orchester der New York Philharmoniker.

Quelle: Penguinmoon/Alegria

New York. Ein steifer, militärischer Trommelwirbel, Trompeter setzen zur Fanfare an, das Logo von 20th Century Fox in goldener Blockschrift erscheint. Der Saal ist dunkel, der Film fängt an.

Der Schriftzug „Star Wars“ gleitet über die Leinwand und lauter Jubel ertönt, als John Williams' zum Kult gewachsener Titelsong aus dem ersten Teil der Weltraum-Saga von 1977 ertönt. Nur kommt seine Musik hier nicht aus Lautsprechern, sondern vom mehr als 80 Männer und Frauen starken Orchester der New York Philharmoniker auf der Bühne.

Lange waren Spielpläne großer Konzerthäuser in den USA wie in Europa vor allem Namen wie Beethoven, Mahler und Wagner vorbehalten. Heute gehören in New York, Chicago, Boston und Los Angeles auch ein John Williams oder ein Hans Zimmer zum Programm - und mit ihnen Blockbuster wie „Zurück in die Zukunft“, „E.T. - Der Außerirdische“ oder eben „Star Wars“. Die Konzerte ziehen junge Zuschauer an und spielen Geld in die Kasse. In Zeiten sinkender Ticketverkäufe ist Filmmusik Teil der Überlebensstrategie geworden.

„Es ist eine unglaubliche Erfahrung. Es ist eine sehr einfache Art für ein Orchester, ein besonderes Ereignis zu setzen und ein neues Publikum anzuziehen“, sagt Alan Gilbert, scheidender Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, der Deutschen Presse-Agentur. Das Boston Pops-Orchester holte Filmmusik-Genie John Williams im Mai selbst mit auf die Bühne, wo Fans auch bekannte Passagen zu „Der Weiße Hai“ und „Indiana Jones“ hören konnten. Auch der „Herr der Ringe“ stand dort schon im Programm. In Cleveland soll Williams im April 2018 etwa zu „Schindlers Liste“ und „Superman“ den Taktstock heben.

Vielleicht war es die räumliche Nähe zu Hollywood, die das Sinfonieorchester in Los Angeles 1987 veranlasste, Sergei Prokofjews Musik zum sowjetischen Historienfilm „Alexander Newski“ von 1938 aufzuführen. Die passende Technik gab es da noch gar nicht, schreibt das Magazin „Variety“. Ein Bibliothekar musste neben dem Dirigenten sitzen und ihm den Einsatz einflüstern, wenn im Film eine neue Musik-Sequenz begann. Heute nutzen Dirigenten teils visuelle Signale auf einem TV-Monitor am Pult, um das Tempo des Films zu halten.

Die Frage ist nur: Vergraulen Konzerthäuser neben Cineasten, Familien und „Star Wars“-Fans, die im New Yorker Konzertsaal als Jedi-Ritter mit Lichtschwert erscheinen, Fans klassischer Werke? „Letztlich schöpft sie die volle Kapazität des Orchesters nicht wirklich aus“, sagt Gilbert, der etwa Woody Allens „Manhattan“ dirigierte, über Film-Partituren. „Es ist etwas besorgniserregend, dass es für so viele Orchester eine so leichte Antwort ist, immer mehr Raum in der Saison einzunehmen.“

Filmmusik-Komponist David Newman, der die „Star Wars“-Reihe in New York dirigiert, hält diese Einschätzung für überholt und fordert von konservativen Klassik-Freunden, sich dem Film mehr zu öffnen. „Wieder und wieder und wieder“ würde Mahler gespielt, aber deshalb werde die „Museums-artige“ Musik des Österreichers doch nicht relevanter, sagt Newman der Deutschen Presse-Agentur. Statt der „fünf Millionen Beethoven-Sinfonien jedes Jahr“, neben denen Filmmusik im Spielplan vielleicht „drei Prozent“ ausmache, seien „Freude, Kartenverkäufe und der Coolness-Faktor“ ein guter Zusatz.

Auch deutsche Häuser versuchen sich daran, ihr Programm mit Hollywood-Titeln anzudicken. Im Berliner Tempodrom gastiert am 29. Oktober das Radio-Sinfonieorchester Warschau und spielt Hans Zimmers Musik zu „Gladiator“, „Interstellar“, „Batman“ und „Fluch der Karibik“. Die „Star Wars“-Konzerte sind ab Februar 2018 etwa in Konzertsälen in Frankfurt, München und Hamburg zu sehen, in Berlin wird die Musik vom Orchester der Filmstudios Babelsberg gespielt.

Ob die Berliner Philharmonie - bis heute eines der weltweit führenden Konzerthäuser - einen John Williams spielen würde, bezweifelt Newman. Die lange Tradition im Land von Bach, Brahms und Strauss mag ein Grund dafür sein. Aber „fast jedes Orchester weltweit macht ein oder zwei Live-Filme im Jahr“, sagt Newman. Und selbst bei „Star Wars“ gebe es Querverweise zu den klassischen Meistern: Williams' musikalische Stimmen der einzelnen „Star Wars“-Charaktere gehen zurück auf das Konzept des Leitmotivs. Es wurde von niemand anderem zur Perfektion geführt als von Richard Wagner.

dpa

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