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Stuttgarter Ballett feiert Reid Anderson

Stuttgart Stuttgarter Ballett feiert Reid Anderson

Dass Reid Anderson in seinen 20 Jahren als Intendant des Stuttgarter Balletts fast 100 Uraufführungen auf die Bühne brachte, dürfte wohl Weltrekord sein. Bei einer glanzvollen Gala ließ er sich nun feiern. Dabei klangen aber auch Sorgen um den Zustand dieser Kunstform an.

Stuttgart. Glanz und Tanz für Reid Anderson: Das Stuttgarter Ballett hat mit einer schillernden Gala die 20-jährige Intendanz des Kanadiers gefeiert. Den Abend mit vier Uraufführungen im Opernhaus verfolgten etwa 5000 Zuschauer im Freien im Schlosspark. Tamas Detrich, der 2018 das Amt von Anderson übernimmt, brachte zum Defilee die 64 Tänzer der Compagnie und die Eleven der John-Cranko-Ballettschule auf die Bühne.

Anderson ließ sich unter tosendem Beifall mit Ovationen bei einem revuehaften Finale von vielen Stars feiern, darunter die Solisten Alicia Amatriain und Friedemann Vogel und Hamburgs Ballettchef John Neumeier.

Es gab aber auch Nachdenkliches. Unter allen Formen der darstellenden Kunst habe es das Ballett in Deutschland am schwersten, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Ballett sei ein „beliebtes Sparschwein“ an Theatern. Vielerorts gebe es labile Strukturen und niedrige Gagen, beklagte Lammert, der Schirmherr des 2006 auch an Anderson verliehenen Deutschen Tanzpreises ist.

Neben Stuttgart, wo sich die Kunst dank starker Sponsoren aus der Wirtschaft seit jeher stark hält, sowie Hamburg gibt es nach Meinung von so manchem Gast der Gala in der deutschen Ballettwelt bisweilen wenig Erfreuliches. Auch die Stuttgarter schauen erstaunt auf Berlin, wo die größte Truppe in Deutschland kaum noch Akzente setze.

Anderson ließ sich dafür feiern, dass er das Stuttgarter Ballett nicht - wie viele befürchtet hatten - zu einem John-Cranko-Museum machte, sondern zu einer weltweit angesagten Adresse. Die britische Ballettlegende Cranko brachte die Stuttgarter Compagnie zu Weltruhm - Auszüge etwa aus seinen Choreographien „Onegin“ und „Schwanensee“ erinnerten bei der Gala daran. Auch dieses Erbe beschert dem Ballett eine Auslastung von mehr als 90 Prozent.

Er habe das große Erbe Crankos konstant weiter entwickelt, lobte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) den Intendanten. Das Ballett sei ein „Juwel in unserem Land. Sie haben es geschliffen und bringen es zum Leuchten, ja, zum Strahlen“, sagte der Politiker. Wie er hoben viele hervor, dass Andersons Stärke darin liege, große Talente aufzuspüren und damit in die Zukunft zu wirken. Marcia Haydeé, die frühere Direktorin des Stuttgarter Balletts, machte sich zwar nicht auf den weiten Weg von Chile. Sie betonte in einem Grußwort, dass es im Tanz heute mit zur größten Herausforderung gehöre, immer neue Ausdrucksformen zu finden.

Das Stuttgarter Ballett, das 2011 sein 50-Jähriges feierte, gilt seit Jahrzehnten zu den Trendsettern in der Ballettwelt. Hier haben John Neumeier, Uwe Scholz (1958-2004), William Forsythe, Jiri Kylian gearbeitet. Die Compagnie tanzte 2013 zudem auf der größten Bühne der Ballettwelt: im Moskauer Bolschoi Theater. Der Starsolist Semjon Tschudin (Semyon Chudin) erinnerte als Gast des Bolschoi in einem Gala-Auftritt als Prinz in „Dornröschen“ an die enge Verbindung der Stuttgarter mit dem klassischen russischen Ballett.

Zu den für eine Gala programmierten Überraschungen gehörte, dass Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) Anderson die deutsche Staatsbürgerschaftsurkunde überreichte. „Ich bin ein Stuttgarter“, sagte der Kanadier, der in Deutschland bleiben will, dankend. „Kunst hat hier eine andere Wertung als in Amerika. Kunst ist hier lebenswichtig“, hatte Anderson in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur zum Start der Festwoche gesagt. 2018 - da endet seine Intendanz - will Anderson noch die neue Cranko-Ballett-Schule eröffnen. Das wird er 70 Jahre alt sein.

Aber zurückziehen will er sich auch dann nicht, sondern seine Rolle als Mentor festigen. „Wir könnten noch etwas avantgardistischer werden, als wir es hier schon sind“, sagte Anderson.

dpa

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