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Vor 2000 Jahren starb Ovid

Antike Mythologie Vor 2000 Jahren starb Ovid

Das Wissen über antike Sagen fußt großteils auf Ovid. Ihm verdankt die Literatur etwa das bekannteste Liebespaar der Welt. Was fasziniert noch heute an seinen berühmten „Metamorphosen“?

Das Gemälde "Narcissus" von Caravaggio nach einem Mythos des römischen Dichters Ovid in Havanna.

Quelle: efe

Berlin. Ein spitzer Schrei zieht über das nächtliche Tempelhofer Feld. Es kommt von der bluttriefenden, schwarz gekleideten Procne, die in gewaltigem Hass auf den treulosen Mann ihren Sohn tötet. Ihre Flucht vor seiner Rache endet an diesem Sommerabend auf dem ehemaligen Berliner Flughafen als Vogel. Ganz genau so, wie Ovid in seinen „Metamorphosen“ die Verwandlung beschreibt.

Vor 2000 Jahren starb der römische Dichter. Nicht nur aus diesem Anlass bringt das Theater Anu „Ovids Traum“ zur Aufführung, eine choreographische Adaption von Mythen aus dem wirkmächtigsten Werk des Autors. Für Bille Behr, die sich mit ihrem Mann die Leitung des Theaters teilt, ist Ovid heute noch aktuell. Das Spektrum an menschlichen Leidenschaften sei nämlich noch immer dasselbe. Es zeige: „Wir stecken in Körpern.“

Im Jahr 2017 steht Ovid wegen des Jubiläums wieder im Fokus. Und das nicht nur unter Theatermachern und Altphilologen. So hat der Vespa-Club in Sulmona, einer kleinen Abruzzen-Gemeinde etwa zwei Autostunden östlich von Rom, einen Kalender über den berühmtesten Sohn des Ortes herausgebracht. Die Rollerfahrer zeigen eine Ovid-Statue in all ihren Facetten - voller Abwechslung wie das Werk des am 20. März 43 vor Christus im damaligen Sulmo geborenen Autors selbst.

Bereits als junger Mann kommt der Dichter mit seinen frühen Schriften über die Liebe („Amores“, „Ars amatoria“) zu literarischem Erfolg. Doch ist Publius Ovidius Naso - so der vollständige Name - bis heute vor allem wegen seines mythologischen Großwerks, der „Metamorphosen“ (zu deutsch „Verwandlungen“), bekannt. Anhand von Episoden über Götter und Menschen, deren Kern eine körperliche Veränderung beschreibt, erzählt er die Geschichte der Welt von ihrer Entstehung bis in seine Zeit unter der Herrschaft von Kaiser Augustus.

„Ein Großteil des Wissens über antike Mythologie läuft über Ovid“, sagt Ulrich Schmitzer. Der Berliner Lateinprofessor erklärt, dass viele Sagen zwar bereits zuvor Kernbestand der griechisch-römischen Antike waren, doch einige von ihnen allein durch Ovid überliefert sind. Etwa über Philemon und Baucis, das alte, gastfreundliche Ehepaar, das sich nach dem Tod in gewundene Bäume verwandelt. Oder über die Liebenden Pyramus und Thisbe, die nicht zusammenfinden können (und später als Romeo und Julia noch berühmter werden).

„Vor Ovid sind diese Mythen nicht belegt“, sagt Schmitzer - und schiebt noch mit einem Augenzwinkern seine private Meinung hinterher: „Sie sind von ihm erfunden“. Daneben gebe es zuvor wenig bekannte Episoden, die der Römer erst populär machte: der selbstverliebte Narcissus, der zweigeschlechtliche Hermaphroditus oder der um seine Eurydice trauernde Sänger Orpheus.

Auf dem Tempelhofer Feld flüstert Eurydice den Besuchern von hinten ins Ohr, sie sollten ihren Blick nicht umwenden, während sie den Schattenspielen auf der Leinwand folgten. Ganz wie die Bedingung für Orpheus, als er seine Frau aus der Unterwelt heraus begleitet - die Klausel allerdings einmal missachtet und Eurydice an den Hades verliert. „Die griechischen Mythen, in denen große Helden nach Hause kehren, sind mit Ovid vorbei“, sagt Theaterfrau Behr. „Bei ihm hat die Verwandlung nur mit dem Menschen zu tun.“

Doch nicht nur Ovids mythologische Dichtung, auch seine letzte Schaffensphase hat sich als Bezugspunkt gehalten - wenn auch vor einem ganz anderen Hintergrund: Im Jahr 8 nach Christus wird er nach Tomi am Schwarzen Meer (heute Constanta in Rumänien) verbannt. Er selbst nennt zwei Gründe: „carmen et error“, ein Gedicht und ein Irrtum. Zum einen dürfte Kaiser Augustus wegen seiner strengeren Sittengesetze wohl die „Ars amatoria“ („Liebeskunst“) nicht gefallen haben. Über den Irrtum, schreibt Ovid, könne er sich nicht äußern - eine Aussage, die krudeste Theorien hervorgebracht hat.

„Das Exil ist ein gewisser Glücksfall“, so Schmitzer. In einer völlig neuen Schreibweise biete Ovid bis dahin nicht bekannte Einblicke über sich selbst. Nur: Wie sicher sind diese Informationen? „Insofern zuverlässig, als dass er mit falschen Angaben bei seinen Lesern in Rom nichts gewinnen kann“, sagt der Altphilologe. Warum sollte er schreiben, er sei dreimal verheiratet gewesen, wenn jeder gewusst habe, dass er es siebenmal war?

Für Exil-Autoren späterer Zeit haben die klagend-elegischen Briefe („Tristia“, „Epistulae ex Ponto“) aus der Verbannung eine immense Bedeutung. Ob Alexander Puschkin oder Bertolt Brecht - Ovid wird zur zentralen Identifikationsfigur für Vertreibung und Verzweiflung. Und 2017? „Wenn man ihn zum Beispiel türkischen Intellektuellen zu lesen gibt, die etwa wegen Präsident Erdogan nach Europa oder Deutschland kommen“, gibt Schmitzer zu bedenken, „finden sie bei Ovid genau ihre Erfahrungen wieder.“

Selbst in mehr als 1300 Kilometern Entfernung ist der Dichter bestens darüber informiert, was in Rom passiert. Bis ins Jahr 17 erwähnt er Ereignisse aus der Hauptstadt. Aus späterer Zeit gibt es keine Bezüge mehr. So nehmen Altertumswissenschaftler an, dass Ovid dann gestorben ist, auch wenn seine genauen Todesumstände im Dunkeln bleiben. Vielleicht ist es genau das, was an ihm und seinem Werk 2000 Jahre später noch fesselt: das Mysterium, das beide umgibt.

dpa

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