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Wie gut darf man Hitler lesen?

Köln Wie gut darf man Hitler lesen?

Es hat schon viele Lesungen aus Hitlers „Mein Kampf“ gegeben. Stets erschien der Demagoge dabei als lächerliche Figur. Der Schauspieler Sylvester Groth hat es jetzt anders gemacht.

Köln. Kann man Hitler zu gut vorlesen? Das war die Frage, die am Dienstagabend nach einer Lesung aus seiner Hetzschrift „Mein Kampf“ im Foyer des provisorischen Kölner Schauspielhauses unter den Zuhörern diskutiert wurde.

Einigkeit herrschte darüber, dass der Schauspieler Sylvester Groth (57) seine Sache beim Literaturfestival Lit.Cologne außerordentlich gut gemacht hatte. Einige meinten sogar: zu gut.

Lesungen aus „Mein Kampf“ sind nichts Neues. Allein der deutsch-türkische Schauspieler Serdar Somuncu veranstaltete mehr als 1500 davon, einige davon sogar in KZ-Gedenkstätten. Legendär sind die Auftritte des Schauspielers Helmut Qualtinger (1928-1986), der Hitler mit seinem österreichischen Idiom besonders nahe kam. Sowohl er als auch Somuncu ließen den Demagogen als lächerliche Figur dastehen. Das ist nicht schwer, denn „Mein Kampf“ ist eben nicht nur schlimm, es ist auch schlecht.

Dennoch muss da mehr sein. Schließlich hat die Forschung es längst als Schutzbehauptung widerlegt, dass „Mein Kampf“ zwar gekauft, aber nicht gelesen worden sei. Zumindest passagenweise muss das Buch - das in einer Auflage von mehr als zwölf Millionen kursierte - vielen Lesern aus dem Herzen gesprochen haben.

Die erste Passage, die Groth las, handelte von Hitlers „Erweckungserlebnis“. Es ist der Herbst 1918, er liegt im Lazarett und erfährt, dass sich deutsche Politiker um einen Waffenstillstand bemühen. Sie können gar nicht anders, denn das Kaiserreich ist militärisch am Ende. Aber Hitler weiß davon nichts, er hat noch die große und zunächst scheinbar erfolgreiche Frühjahrsoffensive der Deutschen im Kopf. Er hält alles für Verrat. Groth bringt das so ungeheuer gut, dass man zumindest eine Ahnung davon bekommt, was für viele einmal die Überzeugungskraft dieser Tiraden ausgemacht haben muss.

Christian Hartmann, der Projektleiter der kürzlich erschienenen kritischen Edition von „Mein Kampf“, bekundet im Anschluss „große Ehrfurcht“ vor Groth. „Sehr, sehr mutig“ sei es gewesen, den Text so zu lesen. Und dann fügt er hinzu: „Hitler ist eigentlich dann am stärksten, wenn er von sich selbst erzählt.“

Das ist so eine Formulierung, bei der sich manchem Zuhörer die Nackenhaare aufstellen. Hitler „am stärksten“? Wird ihm damit nicht zuviel Ehre angetan? Läuft das am Ende nicht wieder darauf hinaus, ihn als den großen Verführer hinzustellen, dem sich niemand entziehen konnte? Und Millionen Deusche damit freizusprechen? Hartmann selbst ist Jahre mit der Edition beschäftigt gewesen, sie umfasst Tausende Fußnoten, die Hitlers Text geradezu umzingeln und ihn entzaubern sollen. Gleichwohl lautet die Bilanz des Wissenschaftlers: „Er ist mir natürlich noch unheimlicher geworden.“

Wenn dem so ist, dann stellt sich die Frage, ob dieses Buch nicht doch noch gefährlich ist und zurück in den Giftschrank muss. Das Urheberrecht an „Mein Kampf“ ist zum Jahresende 2015 erloschen, seitdem darf es nachgedruckt werden. Und bei Pegida-Veranstaltungen - darauf weist an diesem Abend Moderatorin Bettina Böttinger hin - sei doch mitunter schon ein ähnlich zügelloser Hass festzustellen.

Für eingefleischte Neonazis mag das Buch Fetisch und ideologischer Nährboden sein. Für alle anderen dürfte gelten, was der englische Historiker und Hitler-Biograf Ian Kershaw kürzlich gesagt hat: „Die Lektüre von Hitlers unsäglichem Text wird mit Sicherheit keinen unvoreingenommenen Menschen zum Nazi konvertieren.“ Es bleibt wüster Ideenschutt. Da hilft auch der beste Vorleser nichts.

dpa

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