Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Rest der Welt Zum 100. Geburtstag von Artur Brauner
Nachrichten Kultur Kultur im Rest der Welt Zum 100. Geburtstag von Artur Brauner
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:22 31.07.2018
Filmproduzent Artur „Atze“ Brauner. Quelle: dpa
Berlin

Kurz vor seinem 100. Geburtstag am Mittwoch hat Artur Brauner noch einmal eindringlich Stellung bezogen. Der Filmproduzent und Holocaust-Überlebende warnte junge Leute vor der Verführung durch Rechtspopulisten: „Ich kann der Jugend nur nahelegen, dass sie den Populisten weltweit nicht ins Netz geht und sich mit aller Kraft Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenstellt“, hat Brauner gesagt. „Und zwar jetzt und nicht erst, wenn es schon zu spät ist.“

Der Kampf gegen rechts ist das Lebensthema Brauners - auch wenn viele seine mehr als 300 Filme ins leichte Fach gehören und den Deutschen gute Laune machen sollten - egal, ob Karl-May-Western oder Edgar-Wallace-Krimi, Schlagerfilme mit Peter Alexander oder Caterina Valente, ob Ausstattungsorgien wie „Das indische Grabmal” oder „Kampf um Rom”.

Seinen ersten Film finanzierte der Mann mit dem sorgsam gepflegten Schnauzer kurz nach dem Krieg mit dem Verkauf des Nerzmantels der Schwiegermutter. 200 000 Reichsmark, etwa 1000 Dollar, brachte das gute Stück nach eigenen Worten ein. Später ratterten aus seinen Berliner CCC-Studios bis zu 19 Filme pro Jahr.

Szene aus „Hitlerjunge Salomon“. Quelle: United Archives/

Die Jungregisseure des Neuen Deutschen Films verhöhnten Brauner als „Anführer des Schnulzenkartells”. Tatsächlich nutzte er die Einnahmen aus seinen „Konsumfilmen“, um seine Herzensfilme zu produzieren: Schon 1948 entstand „Morituri” mit dem ganz jungen Klaus Kinski, in dem KZ-Flüchtlinge von Deutschen durch die polnischen Wälder gejagt werden. Das Drama erzählte in fiktionalisierter Form von Brauners Leben.

„Morituri” war ein Flop. Und schlimmer als das: Nazis schlugen die Scheiben von Kinos ein, die das Drama zeigten. Die Deutschen wollten sich nicht mit ihren NS-Verbrechen beschäftigen. Trotzdem blieb Brauner in Deutschland - und wird heute wieder von der Angst umgetrieben, dass der Antisemitismus offen und in verstärkter Form zurückkehrt.

Der am 1. August 1918 im polnischen Lodz geborene Sohn eines jüdischen Holzgroßhändlers hatte sich geweigert, sich den Davidstern anheften zu lassen. Mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern flüchtete er in die Sowjetunion. 49 Mitglieder seiner Familie wurden in deutschen Todeslagern ermordet. Brauner und seine Eltern überlebten. Die Eltern gingen später nach Israel, er ging in die Trümmerstadt Berlin, wo ihm Curd Jürgens alsbald den Spitznamen „Atze” verabreichte. Vertriebene wie Fritz Lang und Robert Siodmak holte Brauner aus Hollywood zurück.

Brauner drehte jüdische Lebensgeschichten, etwa über die in Auschwitz ermordete Malerin Charlotte Salomon. Er inszenierte Filme über die Widerstandskämpfer des 20. Juli oder der „Weißen Rose”. Er erinnerte an die Schlucht von „Babij Jar” in der Nähe von Kiew, wo die deutsche Wehrmacht Ende September 1941 mehr als 30 000 Menschen niedermetzelte. Brauner machte Filme im Namen der Opfer.

Mit „Hitlerjunge Salomon” (1989) holte er den Golden Globe — und war stinksauer, dass er nicht auch den Oscar gewann. Nicht gewinnen konnte: Von deutscher Seite wurde sein Film gar nicht erst eingereicht.

Seine Arbeitswut ist bis heute legendär. Gern schreibt er Drehbücher um und entscheidet nach Patriarchenart. Aber auch für Ausflüge aufs gesellschaftliche Parkett hat er Zeit: Fotos mit Bill Clinton oder dem Papst existieren genauso wie die von einem eleganten Tänzer mit Gina Lollobrigida im Arm. Artur Brauner ist der letzte deutsche Produzenten-Tycoon.

In manches Interview aus jüngerer Zeit hat sich Bitterkeit gemischt. „Wenn ein Film den Untergang des jüdischen Volkes behandelt, geht niemand hinein, wenn ein Film den Untergang von Adolf Hitler zeigt, kommen 4,6 Millionen Zuschauer”, hat er gesagt.

Vergessen werden seine Filme nie sein: Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat eine eigene Mediathek für mehr als 20 seiner Werke eingerichtet — die „Krönung meines Filmschaffens”, sagt Brauner.

Von Stefan Stosch/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Abenteuer der jungen Detektive „Die drei ???“ haben bei Jung und Alt viele Fans. Im Jubiläumsjahr gibt es nicht nur neue Folgen in Buch- und Hörspielform, in Fulda wird auch eine Ausstellung gezeigt. Sie widmet sich den Buchcovern der Künstlerin Aiga Rasch.

31.07.2018

Mit dem Rolls-Royce von Elvis bis an die Westküste. Eugene Jareckis vielstimmiges Roadmovie beschwört die Karriere des King und fragt zugleich, wie es um den amerikanischen Traum heute bestellt ist.

31.07.2018

Der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering ist einer der ersten vier Stipendiaten, die ab 1. August in die neueröffnete Thomas-Mann-Villa in Kalifornien einzieht. Die Bundesregierung will damit die transatlantischen Beziehungen fördern. Ein Interview über Roosevelt, Trump und Thomas Mann.

01.08.2018