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Big Data soll die deutsche ESC-Ehre retten

Deutsche Song-Contest-Bewerber stehen fest Big Data soll die deutsche ESC-Ehre retten

Überraschung beim Eurovision Song Contest: Die ARD kehrt Raab-TV den Rücken und sucht mit einer Mammut-Jury und komplexer Software den perfekten deutschen ESC-Beitrag. Seit heute stehen die sechs Bewerber für den Vorentscheid „Unser Song für Lissabon“ fest. Mit dabei: Ein Mann namens Xavier.

Glücklicher Gewinner mit viel Frisur: der Portugiese Salvador Sobral im Mai 2017 in Kiew nach seinem Sieg beim Eurovision Song Contest. Der herzkranke Sänger erholt sich derzeit von einer Transplantation.

Quelle: dpa

Hamburg. Es ist ja nicht so, dass sie nichts versucht hätten. Mit Newcomern. Mit alten Hasen. Mit Casting. Im stillen Kämmerlein. Auf offener Bühne. Mit Jury. Ohne Jury. Mit Publikumsvoting. Ohne Publikumsvoting. Aber es ist, als laste ein Fluch über den deutschen Bemühungen beim Eurovision Song Contest. Die Bilanz der letzten fünf Jahre ist desaströs: einmal Fünftletzter, einmal Achtzehnter von 26, zweimal Letzter, einmal Vorletzter. Dazu die Pleiten beim Vorentscheid mit dem fahnenflüchtigen Sieger Andreas Kümmert und dem politisch verwirrten Xavier Naidoo. Im Vergleich zum deutschen ESC-Drama spielt der 1. FC Köln in der Bundesliga eine erfolgreiche Saison.

Ohne Galgenhumor und sinnlosen Idealismus geht seit Jahren gar nichts im deutschen Song-Contest-Lager. Nun soll Schluss sein mit Verdrückern und umstrittenen Schnulzisten. Wieder einmal soll alles anders werden: Mit Big Data und einem radikalen Bruch will die ARD die deutsche ESC-Ehre retten. Das neue Motto: Raab ist raus, und Mathe macht Musik.

Seit gestern stehen die sechs Kandidaten für den deutschen Vorentscheid fest. Gleich drei sind aus dem Castingzirkus bekannt: Neben der aktuellen „The Voice“-Gewinnerin Natia Todua (21) aus Georgien werden auch die Siegerin und der Drittplatzierte der ersten Staffel antreten: Ivy Quainoo (25) und Michael Schulte (27). Außerdem dabei: Xavier Darcy (22) – Münchener Singer/Songwriter mit britischen und französischen Wurzeln – , Rick „Ryk“ Jurthe (28) – Ex- Student der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und seit 2016 musikalischer Leiter der Akrobatikshow „Feuerwerk der Turnkunst“ – sowie die Volksmusikband voXXclub mit fünf Mitgliedern aus drei Ländern.

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Fünf Einzelkünstler und eine Band bewerben sich beim deutschen Vorentscheid „Unser Song für Lissabon“ am 22. Februar in Berlin (20.15 Uhr live in der ARD) um das deutsche Ticket zum Eurovision Song Contest am 12. Mai in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Diese Kandidaten treten an:

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Gesucht: die Zauberformel für den ESC

Okay – sechs Musiker, die niemand kennt. Und was ist jetzt anders? Es ist das Verfahren. Ermittelt wurden sie in einem mehrstufigen, datengestützten Prozess aus 4000 hoffnungsvollen Bewerbern: Ein Pool aus 20 Mitgliedern internationaler ESC-Jurys sowie 100 Musikexperten aus ganz Europa – selbst nach einem komplexen Algorithmus anhand von Fragebögen im Netz rekrutiert – traf eine Vorauswahl. Die Kölner Datenfirma digame mobile, die seit Jahren auch das europaweite Voting beim ESC-Finale abwickelt, programmierte dafür eine Software, die europäische Geschmäcker, Expertise, kompositorische Merkmale von Siegersongs und noch ein paar Geheimfaktoren zu einer Zauberformel für den ESC vermengte. Sie wirft am Ende zwar nicht den perfekten ESC-Song aus – aber sie erkennt, welcher „Experte“ wirklich etwas vom europäischen Popgeschmack versteht. „Die 100 Menschen stehen für den internationalen ESC-Zuschauer“, sagt der ARD-Unterhaltungskoordinator und ESC-Beauftragte Thomas Schreiber. „Sie haben sechs Teilnehmer gefunden, die einen sehr spannenden, abwechslungsreichen ESC-Vorentscheid versprechen.“ Denn der Wurm (der Song) soll am Ende ja dem Fisch (Europa) schmecken und nicht dem Angler (dem deutschen Publikum).

Umfrage: Wie könnte Deutschland beim ESC mal wieder Erfolg haben?

Sechs Kandidaten bewerben sich um das Ticket zum ESC-Finale am 12. Mai in Lissabon. Wie könnte Deutschland beim ESC mal wieder erfolgreich sein?

Im nächsten Schritt sollen in einem dreitägigen „Song Writing Camp“ ein gutes Dutzend internationale Texter, Komponisten und Produzenten mit den sechs deutschen ESC-Hoffnungsträgern geeignete Lieder und Inszenierungen entwickeln. Der Vorentscheid „Unser Lied für Lissabon“ geht dann am 22. Februar in Berlin über die Bühne. Zum ESC-Finale versammeln sich am 12. Mai Teilnehmer aus 43 Länder in Portugal, dessen Kandidat Salvador Sobral mit seiner zarten Ballade „Amar Pelos Dois“ in diesem Jahr in Kiew gewonnen hatte.

Stefan Raab ist vollständig raus

Big Data für Deutschland also? Kann das funktionieren nach der frustrierenden Elendsgalerie mittelmäßiger Songs in den vergangenen Jahren? Deutschland beim ESC – das war zuletzt wie der dickliche Junge reicher Eltern auf dem Kindergeburtstag: mehr gelitten als geliebt. Aber was soll’s, er gibt halt mal ein Eis aus. Der Ansatz, etwas Neues zu wagen, ist richtig. Das sind die wichtigsten beiden Lehren aus den Debakeln der Vorjahre: Europäischer und deutscher Geschmack sind nicht zwingend deckungsgleich. Und ein halbgarer Konsens-Song, der nicht mal in Deutschland das Feuer der Begeisterung entfacht, ist auf europäischer Ebene erst recht chancenlos. Warum denn nicht mal datengestützt?

Der radikalste Bruch aber ist gar nicht die Kölner Software: Stefan Raab ist raus. Und zwar vollständig. Denn auch nach Lenas Auftritten 2010 und 2011 hatte die Produktionsfirma des Kölner Entertainers ja noch beim ESC mitgemischt. Nun kappt der NDR vollständig die Taue. Aber kann ein Rechencode das legendäre Bauchgefühl des Entertainment-Berserkers ersetzen?

Produzent von „Unser Lied für Lissabon“ ist Matthias Alberti von Kimmig Entertainment. Die Firma ist auch für die „Helene Fischer Show“, die Bambi-Verleihung und die Echo-Gala verantwortlich. Der Vorentscheid entsteht gemeinsam mit dem führenden deutschen Bühnendesigner Florian Wieder und Jens Bujar (Lodge of Levity), digame mobile sowie dem NDR. Regie führt Liveshow-Veteran Volker Weicker.

Viele Fliegen können nicht irren

Die Hoffnung des NDR: Viele Fliegen können nicht irren. „Wir haben alles auf den Prüfstand gestellt und externen Rat eingeholt“, sagte Schreiber. „Unser Ziel ist ein radikaler Neuanfang.“ Mit der Experten-Armada beraubt sich der Sender freilich seiner gängigsten Ausrede nach all den bitteren Niederlagen: Das deutsche Publikum habe halt gewählt, was ihm selbst gefällt – nicht was Europa mag. Viel schlimmer kann’s ja kaum werden. Nach einem erneuten Crash aber darf man die Schuld nicht auf den Kollegen Computer schieben. Die Dinger machen weiterhin nur, was man ihnen sagt.

Von Imre Grimm

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