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Twitter kippt 140-Zeichen-Grenze

Donald Trump gefällt das Twitter kippt 140-Zeichen-Grenze

Elf Jahre nach seiner Gründung verdoppelt das soziale Netzwerk die Zeichengrenze auf 280 pro Tweet. Für alle. Das strategische Ziel: mehr Facebook wagen. Tippt sich Donald Trump jetzt endgültig die Daumen wund?

Ein bisschen mehr wie Facebook sein: Twitter erhöht das Zeichenlimit von 140 auf 280 – ab sofort und für alle.

Quelle: dpa

San Francisco. „Fasse dich kurz!“. Das war bis tief in die Siebzigerjahre nicht nur ein volkserzieherisches Credo in west- wie ostdeutschen Telefonzellen. Das war elf Jahre lang auch Regel Nummer 1 im Twitter-Universum: In Anlehnung an seine Anfänge als SMS-Dienst legte Twitter Inc. die Zeichenobergrenze für Tweets in seinem sozialen Netzwerk auf 140 fest – Leerzeichen inklusive. Das klingt streng, aber es hatte geradezu zauberhafte Folgen: Es zwang erstens zu Zuspitzung und Anschaulichkeit und hielt ganz nebenbei die Nutzerschaft zum Nachdenken an. Denn im Gegensatz zu Facebook, wo ellenlange Elaborate voller Ausrufezeichen!!!!!1!!! millionenfach vom Versuch zeugen, Substanz und Relevanz durch Masse und Zorn zu simulieren, waren Twitterer gezwungen, erst mal zum Kern ihres Gedankens vorzustoßen. Ihn anzuschärfen und zu präzisieren.

Damit ist nun Schluss. Ab sofort verdoppelt Twitter weltweit die zulässige Zeichenzahl pro Tweet auf 280. Nach einer wochenlangen Testphase in mehreren globalen Märkten schaltet das Unternehmen die Funktion nun für alle frei. Der Grund: Der Zwang, erst zu denken und dann zu schreiben, schreckt offenbar viele potenzielle Interessenten ab. Oder wie es bei Twitter in einer putzigen Umschreibung von Denkfaulheit heißt: „Bisher war er für viele Nutzer eine Herausforderung, ihre Gedanken in 140 Zeichen auszudrücken.“ Entsprechend sei für das Formulieren eines Tweets „teilweise viel Zeit aufgewendet worden“ oder – potztausend! – Tweets wurden „sogar ganz wieder verworfen“. Das darf natürlich nicht sein. Immer raus damit! Je mehr Traffic, desto besser.

Twitter-Traditionalisten fürchten das Schlimmste

Und deshalb nun: 280 Zeichen. Was klingt wie eine kosmetische Petitesse im digitalen Bällebad, ist für die traditionell eigenwillige Twitter-Gemeinschaft Anzeichen für einen tief greifenden Kulturwandel. Twitterer sehen sich gern als ironisch-distanzierte Gegenöffentlichkeit zum juvenil-impulsiven Facebook, wo zwischen Liebe und Hass keine Graustufen gelten. Schon die Umstellung von Markierungssternchen auf kleine Herzchen – die auch noch explodierten wie Disney-Sternenstaub – empfanden viele Twitter-Traditionalisten als Angriff auf die tradierte Diskussionskultur. Für sie war die geringe Zeichenzahl stets ein wichtiges Qualitäts- und Abgrenzungsmerkmal zu Mark Zuckerbergs psychologisch unterkomplexem Teenagerspielplatz. Das Unternehmen versucht die Stammkundschaft mit dem Hinweis zu beruhigen, dass in der Testphase nur zwei Prozent aller Tweets tatsächlich länger als 190 Zeichen gewesen seien.

„Wir lösen ein Problem, das viele kennen“, hofft der deutsche Twitter-Chef Thomas de Buhr. Twitter braucht zum langfristigen Überleben deutlich mehr Aktivität und damit Werbeumsätze. Die Nutzerzahl stagniert bei etwa 300 Millionen weltweit, das Netzwerk wächst langsamer als Facebook, Instagram und Snapchat. Zwischendurch waren gar Gedankenspiele zu einem 10 000-Zeichen-Limit bekannt geworden. Das jedoch verwarf Twitter-Chef Jack Dorsey. Aus guten Gründen: Ein solches Netzwerk gibt es bereits. Es heißt Facebook. Bei Direktnachrichten zwischen Twitter-Nutzern – nach Whatsapp-Vorbild – sind aber weiterhin 10 000 Zeichen erlaubt.

Sicher ist: Donald Trump gefällt das

Ausgenommen von der neuen Regel sind nur China, Korea und Japan. Dort gilt weiterhin das 140-Zeichen-Limit. Denn die chinesische, koreanische und japanische Sprache transportieren etwa doppelt so viele Informationen pro Schriftzeichen.

Und nun? Sicher ist: Donald Trump gefällt das. Aber Twitter hat weitaus mehr Probleme als zu kurze Tweets: Hassposts, Nazipropaganda, ungelöschte kriminelle Inhalte, die massenhafte Verbreitung von Fake News durch Social Bots. Erst am Freitag hat das Unternehmen seine Verhaltensregeln präzisiert. Das ist schön und gut. Allein: Es muss sich a) auch jemand daran halten. Es muss b) jemand die Einhaltung kontrollieren. Und es muss c) jemand aus Verstößen Konsequenzen ziehen. Sonst sind die schönsten Vorsätze nur Schmusetext. Egal, in wie vielen Zeichen.

Von Imre Grimm

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