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Wie die ARD ihre Zuschauer warten lässt

Mammutserie „Babylon Berlin“ Wie die ARD ihre Zuschauer warten lässt

Sky-Kunden gucken sofort – ARD-Zuschauer müssen ein Jahr auf die Hochglanzserie „Babylon Berlin“ warten. Obwohl auch sie Millionen gezahlt haben. Der Ärger um das 40-Millionen-Euro-Projekt.

Nein, das ist kein ARD-Zuschauer, der die Brieftasche zückt – es ist Kommissar Bruno Wolter (Peter Kurth).

Quelle: Sky/ARD

Hannover. Natürlich, es dürfte sich um ein Meisterwerk handeln. Die ersten Szenen versprechen Großes: deutsches Fernsehen optisch und erzählerisch auf Augenhöhe mit globalen Glamourserien wie „House of Cards“, „Downton Abbey“ oder „The Queen“. „Babylon Berlin“, das teuerste deutsche TV-Epos aller Zeiten, erzählt eine düster-glamouröse Unterweltgeschichte aus dem Berlin des Jahres 1929: Die Weimarer Republik liegt im Sterben, die Eliten toben sich aus, die Armut grassiert, der Nationalsozialismus erhebt sein braunes Haupt. Und Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) watet durch die Abgründe des Sündenpfuhls: Korruption, Prostitution, Drogendeals, Waffenhandel. Unsicherheit und Aggression liegen in der Berliner Luft – Analogien zur Gegenwart sind nicht unbeabsichtigt.

Schon vor der Premiere gab’s Beifall und Preise: „Babylon Berlin“ erhielt auf der wichtigen Fernsehmesse MIPTV in Cannes den Großen Jurypreis in der Kategorie „Work in Progress“. Netflix hat sich bereits die US-Rechte gesichert. 40 Millionen Euro kosteten die ersten beiden Staffeln, die Runden drei und vier sind in Arbeit. Mit dabei sind Liv Lisa Fries, Matthias Brandt, Hannah Herzsprung, Benno Fürmann und Lars Eidinger. Es ist ein TV-Ereignis der Superlative: 180 Drehtage vor allem in Potsdam-Babelsberg, 300 weitere Drehorte, 70 Requisiteure und Ausstatter (bei einem „Tatort“ sind es gerade drei). Für Regie und Drehbuch sind Tom Tykwer (52), Henk Handloegten (49) und Achim von Borries (48) verantwortlich. Dass Tykwer sich auf farbsatte historische Sittenspektakel versteht, hat er mit „Das Parfüm“ oder „Cloud Atlas“ bewiesen.

Die ARD zeigt die Serie erst 2018

Aber das Wunderwerk, „das die Serienlandschaft verändern wird“ (Sky), hat einen Schönheitsfehler: die Finanzierung. Um das Mammutbudget zu stemmen, haben sich der Pay-TV-Anbieter Sky, die öffentlich-rechtliche ARD, mehrere Förderungsanstalten und der Rechtehändler Beta Film zusammengetan. Sehen dürfen „Babylon Berlin“ aber ab dem 13. Oktober zunächst nur die fünf Millionen Sky-Kunden. ARD-Zuschauer müssen bis Ende 2018 warten. Dann erst soll die Reihe in der ARD laufen – obwohl ARD-Beitragszahler den Löwenanteil beisteuerten. Die genauen Summen werden geheimgehalten, in der Branche aber kursiert eine Finanzierungsübersicht: 12 Millionen Euro sollen von der ARD-Tochter Degeto kommen, rund fünf Millionen von Sky, 12 Millionen Euro von mehreren Filmförderanstalten und elf Millionen vom Rechtehändler Beta Film, der die Serie auf eigenes Risiko weltweit vermarktet. Eine der 16 „Babylon Berlin“-Folgen à 45 Minuten kostet insgesamt rund 2,5 Millionen Euro. Zum Vergleich: 90 Minuten „Tatort“ kosten im Schnitt 1,27 Millionen Euro. „Charité“ kostete 1,2 Millionen, „Weissensee“ etwa 850 000 Euro. „Breaking Bad“ oder „House of Cards“ freilich kosten noch immer bis zu zehn Millionen Euro.

Warum finanzieren Beitragszahler eine Serie, die zunächst bei einem kommerziellen Anbieter zu sehen ist? Warum räumt die ARD Sky umfangreiche Exklusivrechte ein, zahlt aber mehr als doppelt so viel? Ein Jahr warten – oder für Sky extra zahlen? Ist das gerecht?

„Es ist ein Experiment“

„Es ist ein Experiment“, räumt NDR-Intendant Lutz Marmor gegenüber dem RedaktionNetzwerk Deutschland (RND) ein. „Wir müssen am Ende sehen, ob die Sache aufgeht und fair bleibt.“ ARD und ZDF werde von der Medienkritik oft vorgeworfen, nichts zu riskieren und auszuprobieren. „Nun haben wir’s mal getan. Dafür liegen die Rechte ab Herbst 2018 für mehrere Jahre bei uns, und wir haben eine Top-Serie im Programm. Ich finde, das war einen Versuch wert.“ Auch für ARD-Programmchef Volker Herres ist die Konstruktion kein Problem: „Kino-Koproduktionen sind ein Jahr oder länger exklusiv im Kino zu sehen, bevor wir sie im Ersten zeigen können.“ Degoto-Chefin Strobl kündigte in „Bild“ an: „Wenn wir auch in Zukunft auf internationalem Niveau produzierten wollen, wird es ohne Partner wie Sky, Amazon oder Netflix nicht gehen“. Der Minutenpreis für die ARD liege auf dem üblichen Niveau.

Ein fatales Signal der ARD

Das Problem freilich ist nicht nur der Deal. Das Problem ist das Signal, das die ARD aussendet. Sie scheint nicht zur Kenntnis genommen zu haben, dass zwölf Monate Wartezeit in Zeiten globalisierter Sofortbefriedigung aller Entertainmentbedürfnisse ein Anachronismus sind. Im Ersten scheint man weiterhin dem Irrglauben anzuhängen, dass eine Produktion wie früher erst Gültigkeit hat, wenn sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelaufen ist. Ganz so, als betreffe Sky, HBO, Netflix & Co. nur eine Minderheit. Ein fataler Irrtum.

Beim ZDF hält man nichts von derlei Deals. „Wenn das ZDF Koproduktionen eingeht, dann jedoch nur, wenn wir das Programm in Deutschland zuerst bei uns zeigen können“, sagte eine Sprecherin.

Von Imre Grimm

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