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Kultur MuK und Elphi: Brahms gewinnt in beiden Häusern
Nachrichten Kultur MuK und Elphi: Brahms gewinnt in beiden Häusern
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15:34 01.12.2018
Die Philharmonie Lübeck lud zum großen Konzerthausvergleich. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck/Hamburg

 Es ist so ein Moment, der das Publikum in den Bann zieht: Der Anfang des zweiten Satzes im Brahms-Requiem. Die Pauke bildet das Fundament für einen Trauermarsch, treibt das Orchester und den Chor stetig voran, die Klänge schwellen zu einem mächtigen Forte und kehren zum anfänglichen Piano zurück. Und immer wieder die Pauke mit ihren fordernden Triolen. Doch wo ist die Wirkung größer? In der Lübecker MuK, die den Klang der Künstler vorzüglich trägt und mischt? Oder in der hochdekorierten Elbphilharmonie, deren Saal es ermöglicht, mit dem Gehör zwischen den Instrumentengruppen spazieren zu gehen, gar einzelne Stimmen zu verfolgen?

Zum großen Konzerthaus-Vergleich hat das Philharmonische Orchester Lübeck geladen: Es spielte das Brahms-Requiem in der Musik- und Kongresshalle Lübeck und in der Elbphilharmonie Hamburg.

Ein Vergleich mit gleichem Programm

Ein Satz hat Furore gemacht im vergangenen Jahr: „Die MuK ist in Norddeutschland das beste Konzerthaus“, sagte der Münchner Akustik-Professor Karlheinz Müller, „und die Akustik viel besser als in der Elbphilharmonie.“ Rumms, das saß. Den fast milliardenschweren Konzertbau in Hamburg mit der Kongresshalle aus den 90er Jahren in Lübeck vergleichen – geht das überhaupt? Das Theater Lübeck und die LN haben jetzt zum Vergleich eingeladen. Und zwar so, wie man einen Vergleich wagen muss, wenn man es denn tut: Die Philharmonie Lübeck spielt das gleiche Programm an verschiedenen Abenden in beiden Sälen. So erlebte das Publikum Johannes Brahms’ „Ein deutsches Requiem“, dirigiert vom Kommissarischen Generalmusikdirektor Andreas Wolf, am 25. und 26. November in der Musik- und Kongresshalle und am 29. November in der Elbphilharmonie Hamburg. Um es vorwegzunehmen: Anhaltenden Applaus gab es – fast sekundengenau gleichlang – in beiden Häusern. Und angeregt debattierten die Gäste auf der Rückfahrt nach Lübeck über ihre Musikerlebnisse.

Denn ein Konzert ist ja mehr als ein Klangerlebnis. Anfahrt und Ankunft im Saal haben Einfluss auf den ganzen Abend. Das gilt übrigens nicht nur für das Publikum. Etwas gedämpft habe der Saal in der Elphi geklungen bei der ersten Probe, sagt Solopauker Olaf Kirchhoff (56). Dann mit dem Publikum habe eine besondere Atmosphäre geherrscht, schon anders als in der MuK. Denn das Publikum ist sehr dicht dran, sitzt um das Orchester herum. Da sei er zu Beginn schon etwas aufgeregt und angespannt gewesen. Dann sei es aber zum inspirierenden Erlebnis geworden. Sein Fazit ist: „Vergleichen kann man die beiden Häuser schwer, sie sind zu unterschiedlich. Aber wir Lübecker brauchen uns überhaupt nicht zu verstecken - nicht mit dem Orchester und nicht mit unserem Saal in der MuK.“

Beeindruckende Konzerte in beiden Häusern

In beiden Städten erlebte das Publikum beeindruckende Konzerte. Andreas Wolf fügte die vielen unterschiedlichen musikalischen Gedanken des gewaltigen sinfonischen Werkes in großen Bögen aneinander. Die Chöre, der Chor des Theaters Lübeck und der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, harmonierten perfekt untereinander und mit dem Orchester und – in beiden Häusern – war auch der Text gut zu verstehen. Riesenapplaus auch für die Sopranistin Christiane Oelze und den ergreifend singenden Bariton Detlef Roth. Oelzes Solopart verschmilzt am Ende mit dem Klang der Klarinette. Singt sie noch oder sind das schon die Instrumente? An jedem Konzertabend war an dieser Stelle perfekte Harmonie, völlig unabhängig von Raum und Zeit. Der Beifall ganz am Ende kürt sowohl in Lübeck als auch in Hamburg einen klaren Sieger: Die Musik von Brahms.

Konzertsäle: Dem Publikum lieb und teuer

Die Musik- und Kongresshalle (MuK), 1994 geschaffen vom Architekten Meinhard von Gerkan, wird seit 2016 saniert. 2022 soll alles fertig sein. 44 Millionen Euro kostete der Bau der MuK vor 24 Jahren. 21,8 Millionen Euro verschlingt die jetzt laufende Sanierung der Halle. Die Stadt zahlt mit 12,8 Millionen Euro den größten Teil.

Rund 7 Millionen Euro netto kostete die Sanierung des Konzertsaals: Zwei Millionen Euro werden über KIF-Darlehen finanziert, mit einer Million Euro beteiligt sich die Possehl-Stiftung und rund zwei Millionen finanziert die Hansestadt Lübeck über den Haushalt. Das Land unterstützte den ersten Bauabschnitt mit zwei Millionen Euro. Mit sechs Millionen Euro unterstützt das Land die weitere Sanierung.

Die MuK ist regelmäßig Spielstätte des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck und des NDR Elbphilharmonie Orchesters und Hauptspielstätte des Schleswig-Holstein Musik Festivals.

Der Bau der Elbphilharmonie erzeugte durch Dauer und Kostensteigerung Schlagzeilen. Das Konzerthaus am Hamburger Hafen wurde durch das Architekturbüro Herzog & de Meuron geplant. Star-Akustiker Yasuhisa Toyota zeichnet für den Klang verantwortlich, der international große Beachtung findet. Die Einweihung des Konzertbereichs wurde am 11. und 12. Januar 2017 gefeiert. 789 Millionen Euro kostete die Elbphilharmonie die Hamburger Steuerzahler.

2000 Plätze hat der Konzertsaal der MuK, 2100 sind es in der Elbphilharmonie.

Dirigent Wolf drückt seine Erfahrungen mit der Elphi so aus: Man höre dort unglaublich analytisch, bis ins kleinste Detail könne man alles erstaunlich gut verfolgen – ohne dass der Saal allerdings hart oder kühl klinge. Den Saal in der MuK beschreibt er dagegen mit dem Begriff „kulinarisch“ und meint damit die gute Tonmischung. Eine kleine Wertung schiebt der große, schwere Mann augenzwinkernd hinterher: Man könne ihm schon ansehen, dass er dem kulinarischen etwas näher zugeneigt sei. Am Ende seien beide nicht nur gute, sondern hervorragende Konzertsäle. Auch bei Wolf liegt die Betonung auf „beide“.

18 Shuttlebusse zwischen MuK und Elphi

In 18 Bussen fuhren Publikum und Künstler von Lübeck zum Konzert nach Hamburg. Schon im Bus beugten sich manche über die Fragebögen von Theater und LN. Hartmut Niermann (65) aus Lübeck war hinterher begeistert von dem faszinierenden Erlebnis des Vergleiches. „Ich würde sagen, der Unterschied ist wie der zwischen den Städten Hamburg und Lübeck – beide haben ihre Reize“, sagt er und schwärmt auch von der Akustik der Elphi. Trotzdem steht er zur MuK: „Im Gegensatz zu dem teuren Bau der Elphi hat der Saal in der Muk wirklich Seele.“

Das Publikum kann noch bis zum 3. Dezember die ausgefüllten Fragebögen einreichen. Da geht es auch um das Erlebnis der Architektur, der Gastronomie, der Verkehrsanbindung. Und da werden beide Häuser neben Lob auch Kritik einstecken müssen. Die Holzoptik der MuK kommt gegen die helle Wabenstruktur des Elphisaals und das luftige Innere der Elphi schwer an. Die weiten Wege und schwierigen Treppen könnten dagegen Minuspunkte für das Hamburger Haus bedeuten. Christiane Röber (67) aus Timmendorf sagt: „Man könnte viel erzählen von den langen Treppen und der zugigen Rolltreppe und dass die Stühle unbequem sind in der Elbphilharmonie.“ Doch sie möchte nicht negativ wirken und habe das Konzert sehr genossen. Trotzdem findet sie: „In der MuK ist es gemütlicher, wenn man schon den Vergleich zieht.“

Fragebögen

Fragebögen zur Bewertung können Sie unter hier downloaden und bis zum 3. Dezember per Post oder persönlich abgeben in der LN-Geschäftsstelle Dr.-Julius-Leber-Straße 9 - 11, 23552 Lübeck oder per Email an kultur-leser@ln-luebeck.de

Christian Schwandt, Geschäftsführender Theaterdirektor, ist jetzt schon zufrieden mit den Reaktionen: „Es hat besser funktioniert, als gedacht. Der Austausch unter den Leuten, die gemeinsam dieses Erlebnis hatten, ist so viel wert.“ Lübeck und Hamburg seien gemeinsam stark –das Projekt sei auch ein Beitrag zum Zusammenwachsen der Metropolregion.

Nick Vogler

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