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Kultur Devid Striesow und Maria Schrader begeistern am Schauspielhaus
Nachrichten Kultur Devid Striesow und Maria Schrader begeistern am Schauspielhaus
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16:43 19.01.2019
Die Schauspieler Maria Schrader (r.) als Martha und Devid Striesow als George spielen im Bühnenklassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Die Inszenierung von Karin Beier hat am 18. Januar am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere gefeiert. Quelle: Christian Charisius/dpa
Hamburg

„Was willst du denn?“ – „Einen ebenbürtigen Gegner, mehr nicht.“ Dieser Wortwechsel zwischen Martha und George lässt erahnen, was ihre Beziehung ausmacht: Ihr Leben ist ein Gefecht, ein Spiel mit immer neuen Regeln, dessen Nervenkitzel sie ebenso nötig brauchen wie die Unmengen an Alkohol, die sie in sich hineinschütten. Der Bühnenklassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ von Edward Albee wird seit Freitag im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg aufgeführt. Ein lohnenswerter Theaterabend, der unter die Haut geht. Das Premierenpublikum applaudierte ausgiebig für Schauspieler und Regie.

Martha und George sind ein Paar in den mittleren Jahren, deren Leben schon einiger Illusionen beraubt ist. Er enttäuscht als Geschichtsprofessor seine Frau und vor allem ihren Vater und College-Direktor, der als Schwiegersohn lieber einen tauglichen Nachfolger für die Leitung der Hochschule gesehen hätte. Sie hätte wohl gern einen erfolgreicheren Mann und ein schillernderes Leben gehabt, nun haben sie nur noch sich und ihr bizarres Spiel, das sie miteinander und mit ihren Gästen treiben und das auch von ihrem unerfüllten Kinderwunsch genährt wird.

Was ist Wirklichkeit und was Illusion in dieser wilden Ehe?

Die Bühne ist ihr Wohnzimmer. Ihr Wohnzimmer ist ihre Bühne. Mitten in der Nacht erhalten sie Besuch von dem jungen Biologiedozenten Nick und seinem naiven Blondchen, deren Rollennamen im Stück nur „Süße“ lautet. Anfangs ist George das gar nicht recht, er will nach dem langen Abend beim Direktor und Schwiegervater ins Bett und allenfalls noch einen Absacker trinken. Aber er findet bald Gefallen daran, mit Nick und Süße als Publikum ins Wort- und Gefühlsduell mit seiner Gattin einzusteigen, das auf gute Sitten und die Nerven ihrer Gäste keinerlei Rücksicht nimmt. Was ist Wirklichkeit und was Illusion in dieser wilden Ehe? Das wird weder dem späten Besuch klar noch dem Publikum, vermeintliche Gewissheiten werden mit Sätzen, die schnellen Schwerthieben gleichen, wieder zerstört.

Die vier Schauspieler machen dieses oft gespielte und vor allem filmbekannte Stück zu einem grandiosen Erlebnis. Devid Striesow mit seinem weichen, freundlichen Gesicht betritt als George die Bühne mit lallender Stimme und schwankendem Gang, aber je mehr Drinks er in sich hineinschüttet, um so klarer wird er – und um so fieser. Ebenso ausdrucksstark ist Maria Schrader als Martha, die alle Abgründe dieser schrillen Figur auslotet, ob sie kreischt, ob sie sich ihrem jungen Gast an den Hals schmeißt oder ob sie nach offenbar nur unbefriedigend in der Küche vollzogener schneller Nummer zitternd am Bühnenrand steht und faucht: „Ich finde mich selbst zum Kotzen.“

Taylor und Burton: Der Filmklassiker von 1966

Das Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ von Edward Albee wurde 1962 in New York uraufgeführt. Weltruhm erlangte das Kammerspiel vor allem als Film: Der Streifen von Regisseur Mike Nichols von 1966 wurde mit sieben Golden Globes und fünf Oscars prämiert, darunter den für Elizabeth Taylor in der Kategorie beste weibliche Hauptrolle. Sie und ihr Mann Richard Burton verkörperten das Filmpaar Martha und George, und viele Menschen glaubten, im wahren Eheleben der beiden skandalumwehten Schauspieler ginge es ähnlich verrucht und zerstörerisch zu wie in der Albee-Verfilmung. Dafür, dass Taylor und Burton trotz allen Streits so wenig voneinander lassen können wie Martha und George, spricht, dass sie zwei Jahre nach ihrer Scheidung 1975 noch einmal den Bund der Ehe eingingen – für ein Jahr . . .

Auch die Nebenrollen sind gut besetzt, mit Matti Krause als vom Treiben der Gastgeber verwirrten Nick in kleinkariertem Alexander-Dobrindt-Anzug. Josefine Israel überzeugt als personifizierte Einfalt, die umhertänzelt und viel zu spät realisiert, wie George die intime Geschichte ihrer Scheinschwangerschaft ausbreitet, die er Nick im vorgeblich vertraulichen Männergespräch entlockt hat. Das Bühnenbild (Thomas Dreissigacker) besteht aus schlichten, breiten Podesten, wie ein solides Fundament, das nicht erahnen lässt, dass sich die Protagonisten unentwegt den Boden unter den Füßen wegzuziehen trachten.

Regisseurin Karin Beier hat ein dichtes Wortgefecht geschaffen

Die Inszenierung von Karin Beier hebt sich vom berühmten Taylor-Burton-Vorbild ab durch virtuose Musik- und Tanzelemente. Die Regisseurin und Intendantin hat ein dichtes Wortgefecht geschaffen, mit präzisem Timing in den Dialogen, mal mit hohem Tempo und dann wieder mit gekonnt platzierten ruhigen Momenten. In diesen stillen Szenen wird auch fühlbar, dass es nicht unerbittlicher Hass ist, der George und Martha verbindet, sondern eine tiefe Liebe. So sehr sie sich auch in ihren Gefühlen verletzen und gegenseitig demütigen: Martha und George brauchen einander, um sich gemeinsam der Spießigkeit ihrer Kleinstadtgesellschaft zu erwehren. Sie lieben sich bis aufs Blut.

Die nächsten Aufführungen: 21. Januar, 25. Januar (je 19.30 Uhr), 13., 14. und 27. Februar (je 20 Uhr), 22. März (19.30 Uhr), 13. April (20 Uhr). Kartentelefon 040-248713 (Mo-Sa, 10-19 Uhr).

Lars Fetköter

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