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Fernsehen Heiße Würstchen – die Netflix-Serie „Dogs of Berlin“
Nachrichten Medien Fernsehen Heiße Würstchen – die Netflix-Serie „Dogs of Berlin“
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10:41 06.12.2018
Nur Kollegen, keine Freunde: Kurt Grimmer (Felix Kramer) und Erol Birkan (Fahri Yardim) führen zusammen die Soko „Rote Karte“. In der Mitte: Der wichtigste Hund von „Dogs of Berlin“. Quelle: Foto: Katja Kuhl/Netflix
Berlin

Ein türkischstämmiger deutscher Nationalspieler ist in Berlin-Marzahn tot aufgefunden worden - mit nur noch neun Fingern, einen Tag vor dem Spiel gegen die Türkei im Olympiastadion. Das ist die Ausgangslage von „Dogs of Berlin“, Netflix‘ zweiter deutscher Serie. Man hätte sie vielleicht besser „Ebenfalls Dark“ nennen sollen. Denn so gefällt Regisseur Christian Alvart sein TV-Berlin: Betongrau, hässlich, gefährlich.

„Dogs of Berlin“-Held Grimmer sieht im Fußballermord seine Chance

Schon der Auftaktsatz, den der Held aus dem Off raunt, erinnert an den Joker in der Finsterniskapitale Gotham City: „Ich wusste immer, dass meine Zeit der Abrechnung irgendwann kommt, aber ich hätte nicht gedacht, dass es die Stadt in Brand setzen würde.“ Wobei: Der Joker hätte das sehr wohl gedacht.

Der Held in „Dogs“ ist so eine charakterliche Mischkalkulation namens Kurt Grimmer (Felix Kramer). Ein Kommissar Macho, verheiratet, zwei Kinder, der gerade noch auf dem Sofa ihre Sozialfall-Geliebte (Anna Maria Mühe) derart rüde rangenommen hat, dass man als unfreiwilliger Zuschauer schon die Ambulanz rufen wollte. Der dann aber eine Minute später ganz sanft deren bedürftiges Baby wickelt.

Die Straße runter sieht der untreue Familienvater die Reflektion von Blaulicht, macht einen Nachtspaziergang in Aldiletten mit dem Baby auf dem Arm. Er erkennt die prominente Leiche und hat eine Idee: Wenn das Ableben dieses deutschen Ausnahmespielers noch einige Zeit geheim bliebe, könnte er im Wettbüro auf den unwahrscheinlichen Sieg der türkischen Mannschaft setzen und mit links die 17 000 Euro Schulden bei dem ostmafiösen Clanchef Tomo Kovac (Misel Maticevic) bezahlen. Das Geld ist just an diesem Tag fällig und Tomos Schläger streicheln einander schon testoterongeschwollen die Schlagringe.

Ein Streifenpolizist heißt allen Ernstes Wachtmeister

Gedacht, getan. Gut für Grimmer, dass gerade zwei Jungpolizisten mit der Tatortabsicherung beschäftigt sind, die in früheren Zeiten Paraderollen für Stan Laurel und Oliver Hardy abgegeben hätten. Die junge dauergrinsende Petrovic scheint sich nach Grimmers Geheimhaltungsanweisung nur noch vorzustellen wie es wohl mit diesem strammen Kommissar im Bett wäre, ihr Kollege, der allen Ernstes Wachtmeister heißt, vergeht derweil vor Ratlosigkeit und Furcht.

Eine Stunde halten sie dicht. Diese Zeit scheint sich für Grimmer endlos zu dehnen. Er erledigt, wozu andere einen halben Tag bräuchten und ist just in der Sekunde wieder vor Tatort, als ein anderer Kommissar sein Dick-und-Doof-Schweigekommando auffliegen lassen will.

Grimmer wird, protegiert von einem Vorgesetzten, Chef der zynisch benamten Soko „Rote Karte“. Weil seine Mutter und sein Bruder aktive Neonazis sind, wird ihm zur Beruhigung der türkischen Gemeinde Erol Birkan (Fahri Yardim) zur Seite gestellt, ein Kollege mit Migrationshintergrund. Die beiden sind wie Hund und Katz, und müssen nun klären, wer da gemordet hat. War es was Privates? Rache? Gab es ein fremdenfeindliches Motiv?

Tanzt die Nationalelf nach der Pfeife des Clans?

Und vor allem: kann es etwa sein, dass die Deutsche Nationalmannschaft nach der Pfeife des arabischen Clans der Tarik-Amirs spielt, der nun über deutsches Gewinnen oder Verlieren bestimmt? Man sollte freilich auch angesichts der jüngsten Debakel unserer echten Elf nicht lange über den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte nachdenken – er liegt knapp unter dem von „Ali Baba und die 40 Räuber.“

Der jüngste der Tarik-Amirs (Samy Abdel Fattah) ist in all der Düsternis nur ein kurzer Lichtblick: Ein hübscher Bengel mit „We gotta get out of this place“-Attitüde, der aus dem kleinen, in Sachen Reimkunst talentierten Drogenkurier Murad einen berühmten Rapper machen möchte.

In „Dogs of Berlin“ gibt es nur Schurken und Schurkereien

Da sitzen diese beiden heißen Würstchen unter freiem Himmel auf einen Sofawrack oben auf dem Dach , machen auf Brüder und sagen Sachen wie „Hier ist Berlin noch real“. Aber eigentlich, so ahnt man, will dieser Raif nur Murads schöne Schwester flachlegen und Murad in den Dreck drücken. Ist auf ähnliche Weise der arme Supermachorapper Bushido seinem Clan etwa auf den Leim gegangen, fragt man sich.

In diesem Berlin knattern Männer in einem fort scheingewichtige Sätze, Frauen sind vorwiegend Beischlafmaterial mit Neigung zum Nacktsein. Es gibt fast nur Schurken hier, und damit man sie auch als solche erkennt, gucken sie brutal wie Kater Karlo, wenn der in den Problemvierteln von Entenhausen wieder mal die Micky Maus ein bisschen herumschubsen will. Die Faust-Messer-Flinte-Eskalation geht ratzfatz und schon sprechen am hellichten Tag die Schnellfeuergewehre in der No-go-City, in der Leute wie die Kanzlerin allenfalls geduldet werden und alle Nichtkriminellen Schutzgldzahler sind.

Am unglaubwürdigsten im Slapstickpanoptikum des Nick-Tschiller- „Tatort“-Machers Alvart sind die völlig verblödeten Neonazis dieses Films, die sich tatsächlich streiten, ob man ein deutsches Tor bejubeln dürfe, wenn es ein „Neger“ wie Bou’Penga geschossen hat. Überhaupt: Wer kommt auf solche Namen? Nach den vier zur Sichtung bereitgestellten Folgen glaubt man, das verlorene Drehbuch zu „Die nackte Kanone 444 ¼“ sei endlich wieder aufgetaucht. Nur heißt der Film jetzt anders.

Der Hund, der Finger und König Zufall

Hunde gibt’s auch in diesem Berlin. Einige von ihnen setzen nur ungeniert ihre Haufen auf Berliner Bürgersteige. Der wichtigste aber, ein Grimmer zufällig vors Auto gelaufener Beagle, den der hinter allen Schurkereien Herzensgute für seine Kinder ins Auto lädt, kotzt dem Kommissar zuhause den fehlenden Finger des Nationalspielers in die Spüle. Sapristi! Was kann in den verbleibenden sechs noch ungesehenen Folgen noch an unvorhersehbaren Dingen passieren? Vielleicht findet Grimmer in den Kellern der Tarik-Amirs ja noch Aladin Wunderlampe, reibt daran, und der Dschinn darin macht auf Wunsch dieses schlimme Berlin wieder schön.

Von Matthias Halbig / RND

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