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13:15 10.03.2019
Liebe 1956: Der Jungingenieur Alexander (Christoph Letkowski) ist vom Zauber seiner Turiner Dolmetscherin Giulietta Marconi (Silvia Busuioc) gefangen. Quelle: Foto: Walter Wehner/ZDF
Mainz

An den Begriff „Gastarbeiter“ erinnern sich heutzutage nur noch die Älteren. Für die Jüngeren sind zum Beispiel die Mitbürger mit italienischen Wurzeln wie selbstverständlich eingemeindet, wenn wohl auch vor allem wegen ihrer Restaurants und Eisdielen. Der ZDF-Dreiteiler „Bella Germania“ handelt davon, wie die deutsche und die italienische Kultur erst aufeinander prallen und sich dann annähern.

Daniel Speck bettet die Story in eine gut konzipierte Parallelstruktur

Daniel Speck, der schon in seiner wunderbaren Komödie „Meine verrückte türkische Hochzeit“ (Grimme-Preis 2007) von einem „Culture Clash“ erzählt hat, bettet seine Geschichte in eine geschickt konzipierte Parallelstruktur: Eines Tages wird die junge Designerin Julia (Natalia Belitski) nach einer Modenschau von einem Mann (Joachim Bißmeier) angesprochen. Er heißt Alexander, entpuppt sich als ihr Großvater und erzählt ihr die Geschichte ihrer Familie.

Nun blendet der Film rund sechzig Jahre zurück. Der junge Alexander (Christoph Letkowski), Ingenieur bei einem großen bayerischen Motorenwerk, hat 1954 eine Idee, wie das in wirtschaftliche Turbulenzen geratene Unternehmen wieder in die Erfolgsspur zurückkehren könnte: mit einem neuen „Volkswagen“ aus der italienischen Iso-Schmiede. Als er die Isetta in Mailand unter die Lupe nehmen soll, verliebt er sich in Giulietta (Silvia Busuioc), aber die junge Übersetzerin, nebenbei eine begabte Schneiderin, ist schon seit ihrer Jugend einem anderen versprochen.

Trotzdem kann sie dem deutschen Ingenieur nicht widerstehen. Als sie schwanger wird, wähnt sich ihr Verlobter Enzo (Deniz Arora) als freudestrahlender Vater und heiratet sie. Jahre später, als sich Giulietta endlich eingesteht, dass sie ihren krankhaft eifersüchtigen Mann nie lieben wird, bricht sie aus der Ehe aus. Gemeinsam mit ihrem Sohn Vincenzo folgt sie ihrem Bruder Giovanni (Denis Moschitto) nach Deutschland, aber die spätere Wiedervereinigung mit Vincenzos Erzeuger bringt ihr kein Glück.

Die Handlung erinnert von ferne an Fatih Akins „Solino“

In der Gegenwart macht sich ihre Enkelin auf die Suche nach ihren so viele Jahre lang verschütteten Wurzeln. Von Giovanni (als alter Mann von Alessandro Bressanello verkörpert) erfährt sie, dass ihr Vater in Turin lebt. Gemeinsam reisen Onkel und Großnichte nach Norditalien, doch die Begegnung mit Vincenzo (Stefan Kurt), den sie zuletzt im Alter von fünf Jahren gesehen hat, ist ausgesprochen frostig.

Die Handlung erinnert von ferne an „Solino“ (2002) von Fatih Akin, und das nicht nur, weil es hier wie dort um eine ausgewanderte Familie aus Süditalien geht. Vor allem der junge Vincenzo bekommt zu spüren, dass die Gastarbeiter nicht bei allen Deutschen willkommen sind. Der offenkundigste Unterschied zwischen den beiden Werken ist nicht zuletzt das Geschlecht der Hauptfiguren: Im Zentrum von „Solino“ stehen zwei Brüder.

Bella Germania“ hingegen handelt von zwei willenstarken Frauen; der Dreiteiler startet nicht umsonst sonntags um 20.15 Uhr, dem Sendeplatz im ZDF, der sich mit Reihen wie „Rosamunde Pilcher“ und „Inga Lindström“ in erster Linie an Zuschauerinnen richtet. Entsprechend oft fällt als Botschaft der Satz „Das Herz lässt sich nichts befehlen“, doch die Geschichte ist eher Drama als Romanze, zumal das eigentliche Thema Entwurzelung und Heimatverlust ist.

Großmutter und Enkelin werden durchaus mit Schwächen ausgestattet

Zum Glück hat Speck darauf verzichtet, Giulietta und Julia zu überlebensgroßen Figuren zu machen. Sowohl Silvia Busuioc wie auch Natalia Belitski verkörpern Großmutter und Enkelin durchaus mit Schwächen. Das gilt auch für die Dritte im Bunde: Teil drei konzentriert sich auf Vincenzo (als junger Mann von Kostja Ullmann verkörpert) und seine Liebe zu Tanja (Marleen Lohse), für die er in den Siebzigern erst zum Gesetzlosen wird und dann ins Gefängnis geht.

Auch jetzt zeigt sich wieder, wie klug der Dreiteiler strukturiert ist. Auf diese Weise kann es sich Regisseur Gregor Schnitzler erlauben, mit den teilweise recht krawalligen letzten neunzig Minuten einen völlig anderen Film zu inszenieren. Nun klärt sich außerdem auf, warum Giulietta sterben musste, als sie ihrem Glück am nächsten war.

Auch im dritten Teil hüpft „Bella Germania“ klugerweise nicht ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her; Schnitzler lässt den verschiedenen Handlungsebenen Zeit, sich zu entwickeln. Der einst durch Kinofilme wie „Soloalbum“ (2002) und „Die Wolke“ (2006) bekannt gewordene Regisseur hat erst kürzlich mit seinem historischen ARD-Drama „Lotte am Bauhaus“ beeindruckt und entwickelt sich dank Filmen wie „Mein Sohn Helen“ (2015) „Kilimandscharo – Reise ins Leben“ (2017, beide ARD) immer mehr zu einem der wichtigsten Fernsehfilmregisseure.

Bella Germania“ ist ein Fest vor allem in Sachen Ausstattung

Ähnlich wie das Bauhaus-Drama ist auch „Bella Germania“ ein Fest vor allem für Ausstattung (Petra Heim) und Kostümbild (Esther Amuser). Einziger Wermutstropfen ist die Angst des ZDF, das Publikum könne sich von Untertiteln abschrecken lassen, weshalb die Italiener, wenn sie unter sich sind, quasi mitten im Satz plötzlich fließend deutsch sprechen.

Von Tilmann P. Gangloff

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