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Medien Jan Böhmermann: „Ich weiß, was ich auslösen kann“
Nachrichten Medien Jan Böhmermann: „Ich weiß, was ich auslösen kann“
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11:37 29.11.2018
Jan Böhmermann Quelle: Ben Knabe

Jan Böhmermann gilt als Vollzeit-Provokateur. Er foppt mit Gymnasiasten-Rap die Hip-Hop-Szene „Polizistensohn“), er streitet mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ebenso wie mit Befindlichkeitssänger Max Giesinger. Jetzt geht er auf Tour – und spricht über überraschende Gefühle beim Singen von „Menschen Leben Tanzen Welt“, den verlorenen Posten des „unseriösen Quatschmachers“ und „handgeblockte“ Spinner bei Twitter

Herr Böhmermann, 2019 gehen Sie auf Tour. In der Ankündigung heißt es, Sie wollten in Ihrer Bühnenshow „versöhnen, Wunden heilen und Brücken bauen“. Sie werden also auch „Menschen Leben Tanzen Welt“ singen?

Ja! Das werden wir auf jeden Fall spielen – unter hoffentlich großem Einsatz von Handytaschenlampen, Feuerzeuge gibt’s ja nicht mehr. Ich möchte auf der Bühne eine ganz neue Seite von mir zeigen: Ich will Wunden heilen und Hände reichen. Nachdem ich die letzten 15 Jahre das Gegenteil gemacht habe, ist es jetzt Zeit für einen Imagewechsel.

Gerade ist Stefan Raab in drei Shows live aufgetreten. Ich will den Druck nicht erhöhen, aber das war ziemlich gut, im Prinzip ein dreistündiges Warmup vor 12.000 Zuschauern.

Ja - da hat sich Stefan Raab sicher von unseren Probeauftritten inspirieren lassen. In einem Warmup kann man ja immer ein bisschen mehr aufdrehen als dann in der Show. Der Grund für die Tour ist: Wir wollten einfach gern die Songs auf die Bühne bringen, die wir in der Sendung nur einmal aufgeführt und dann ins Netz gestellt und nie wieder angefasst haben. Wir haben diese Songs geschrieben – wir sind ja alle Musiker oder zumindest musikalisch begabt – und finden es ein bisschen schade, wenn unsere Songs zwar bei Youtube geklickt werden, aber nicht mehr zum Einsatz kommen. Auf der Bühne entfaltet sich noch einmal eine ganz andere Dynamik. Das ist wirklich eine interessante Art, sein Material zu präsentieren. Das ist mit einer Fernsehshow oder Lesung gar nicht zu vergleichen. Ich traue mich das kaum zu sagen, aber da geht es tatsächlich um das Gefühl. Ich weiß auch nicht, wo das herkommt, aber es ist da.

„Ein uncooler Spaddel aus dem gymnasialen Milieu“

Was meinen Sie damit?

Nehmen wir „Menschen Leben Tanzen Welt“. Das ist ja im Prinzip eine Parodienummer gegen die Belanglosigkeit deutscher Poptexte. Du schreibst also eine absichtlich belanglose Popnummer, führst sie auf der Bühne auf – und plötzlich merkst du, dass dich das emotional tatsächlich anfasst. An einer Stelle, wo du gar nicht angefasst werden möchtest von dieser Art Musik. Das Gleiche passiert mit den Rap-Tracks wie „Polizistensohn“: Du hast als Zuschauer das Gefühl, das könnte hier auch ein Hip-Hop-Konzert sein – ist es aber nicht, denn der Typ da vorne ist bloß ein uncooler Spaddel aus dem gymnasialen Milieu. Es ist ein bisschen wie Theater, aber trotzdem echt. Ich habe noch nie einen Auftritt gehabt, der mich so vielschichtig bewegt zurücklässt. Gerade bei „Menschen Leben Tanzen Welt“. Ich bin da immer hin- und hergerissen zwischen „Mensch, ist das schön“ und „Boah, ist das ekelhaft“. Wir spielen auch „Senorita“ von Kay One und Pietro Lombardi, aber nicht als „Despacito“-Nachbau wie im Original, sondern als eine Art Hymne. Und plötzlich klingt das Lied, als wollten es Coldplay noch mal wissen. Es ist auf eine merkwürdige Art rührend. Man fühlt sich trotz allem in den Arm genommen und nicht auf den Arm genommen.

Zur Person: Jan Böhmermann

Jan Böhmermann wurde am 3. Februar 1981 als Polizistensohn in Bremen geboren. Er ist Moderator der ZDFneo-Show „Neo Magazin Royale“. Der mehrfache Grimme-Preis-Träger wurde durch seine Satire um den Mittelfinger des damaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis sowie durch die „Böhmermann-Affäre“ rund um sein „Schmähgedicht“ gegen den türkischen Premier bundesweit bekannt. Im Januar geht er mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld auf Livetour. Stationen sind unter anderem Leipzig (25.1.), Berlin (27.1.), Hamburg (28.1.), Bremen (30.1.) und Hannover (31.1.). Karten für die Show gibt es im Netz unter www.ehrenfeldistueberall.com.

Das klingt vielschichtig.

Man kann das aber auch scheiße finden! Ich könnte das verstehen, wenn Leute da rauskommen und denken: „Oh Gott, das hat mich jetzt überfordert.“ Die Ansage ist vorher wie bei jeder Ausgabe von „ZDFneo royal“: Es kann doof werden, es kann aber auch richtig geil werden. Und auch von Ort zu Ort unterschiedlich.

Vapiano – das McDonald’s für Leute aus dem Festangestelltenmilieu“

Es ist also nicht die Verlängerung der Fernsehshow in die Arena?

Nein. Es ist mehr. Das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld ist noch viel besser als im Fernsehen, weil wir die Solisten mal von der Leine lassen und die Arrangements viel komplexer sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass es schön wird, ist einigermaßen groß. Sonst würden wir das nicht machen. Es könnte sein, dass sich Menschen in den Armen liegen, weil sie „Menschen Leben Tanzen Welt“ noch einmal ganz neu als Liebessong entdecken. Ich will nicht zu viel versprechen – aber auch nicht zu wenig.

Es wird Paare da draußen geben, für die ist „Menschen Leben Tanzen Welt“ „ihr Lied“.

Ja. Ich habe sogar gehört, dass die Restaurantkette Vapiano – das McDonald’s für Leute aus dem Festangestelltenmilieu – „Menschen Leben Tanzen Welt“ in allen Restaurants in Deutschland in seine Musik-Playliste aufgenommen hat. Ich kriege Nachrichten von Menschen aus ganz Deutschland, die schreiben: „Ich habe ,Menschen Leben Tanzen Welt‘ im Vapiano gehört.“ Das ist das Verblüffende und auch Erschreckende an diesem Song: Der holt einen tatsächlich ein. Ich glaube, wenn die Ironie mit den Jahren erst mal verloren gegangen ist, werden die Menschen das Lied als leicht runtergehenden Klassiker empfinden. Das ist wie in einer Beziehung, wenn man anfängt, seinen Freund oder die Freundin „Schatzi“ zu nennen: Am Anfang hast du noch so eine ironische Distanz, aber nach zwei, drei Jahren ist das Ironische komplett verschwunden und man nennt sich ganz selbstverständlich „Schatzi“.

„Wenn dich alle mögen, kannst du dicht machen. Dann bist du Kerner“

Ist die Tour der Anfang einer Musikkarriere?

Nein. Das wird sicher nicht mein Hauptberuf werden. Ich werde jetzt nicht auf Tour gehen und Musiker werden. Es ist ein Projekt, was man nicht im Fernsehen machen kann, weil das nur unmittelbar funktioniert.

Sie haben mal gesagt, das Hauptfeedback ist sowieso Ablehnung. Wird man mürber mit den Jahren oder dickhäutiger?

Es ist so: Wenn nicht eine gehörige Portion Ablehnung dabei ist, dann stimmt etwas nicht. Es ist aber interessant, wie unterschiedlich schattiert und emotional die Ablehnung inzwischen ist, es kommt einfach aus viel mehr unterschiedlichen Richtungen als früher. Ich mache das ja schon ein paar Jahre, ich habe mich an dieses Grundlevel von Menschen gewöhnt, die das, was ich tue, kacke finden. Aber wenn das nicht so wäre, kannst du aufhören. Dann kannst du dicht machen. Dann bist du Kerner.

Ist denn das Erdogan-Kapitel nach Ihrem „Schmähgedicht“ jetzt abgeschlossen?

Das ist erst abgeschlossen, wenn es juristisch abgeschlossen ist. Und das ist noch ein bisschen hin. Nächster Halt: Karlsruhe.

Glauben Sie, dass irgendjemand, der das nicht selbst erlebt hat, nachvollziehen kann, wie sich so eine diffuse Bedrohung, wie Sie sie in dieser Zeit erlebt haben, anfühlt?

Die Bedrohung ist weniger beeindruckend als das Gefühl, dass du auf einmal für eine begrenzte Zeit im Mittelpunkt von allem stehst, und zwar so richtig. Auf allen Ebenen. So, dass du selbst für Leute, die normalerweise über den Dingen stehen, zum Objekt wirst. Das ist tatsächlich einigermaßen beängstigend. Das kann man kaum nachvollziehen, wenn man das nicht selbst erlebt hat. Es ist eine extreme Grenzerfahrung – allein diese enorme Aufmerksamkeit. Alle wissen für drei bis vier Tage nicht mehr, was sie denken sollen. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

„Das einzige, was dir in einem solchen Sturm hilft, ist Solidarität“

Hat Sie diese Zeit verändert?

Was ich gelernt habe, ist: Wenn du so etwas auslöst, wenn du im Mittelpunkt eines solchen Sturmes stehst, ist das einzige, was dir hilft, Solidarität. Wer in eine solche Lage gerät, braucht also unsere Solidarität. Aber beruflich bin ich nicht vorsichtiger geworden, nein. Ich weiß halt, was ich auslösen kann, und gehe mit diesem Wissen etwas bewusster um. Aber es ist nicht so, dass da jetzt die Angst mitfährt.

Es wirkt manchmal, als sei der heilige Zorn, mit dem Sie sich gegen Nazis, deutsche Songwriter oder Bento wehren, eher noch lodernder geworden. Stimmt das?

Das liegt einfach daran, dass der Wahnsinn noch größer geworden ist. Aber natürlich stehe ich wie alle unseriösen Quatschvögel auf verlorenem Posten. Und das wird so bleiben, auch wenn sich die Welt in alle möglichen Richtungen dreht. Es ist aber verblüffend, wie oft man Leuten erklären muss, dass man zu einer Art Schauspieler wird, sobald man ein Interview gibt oder eine Kamera läuft. In der Öffentlichkeit ist man immer eine Als-ob-Person. Man wird dafür bezahlt, etwas zu sein, was man nicht ist. Das muss man selbst Leuten erklären, die selbst schlau sind und auf Bühnen stehen. Das ist ein Job. Und den muss auch einer machen.

„Mit einigen Menschen kann man nicht sprechen“

Klaas Heufer-Umlauf hat neulich über die Spinner im Netz gesagt: „Die werden alle hart weggeblockt. Warum sollte ich mich an solchen Leuten abarbeiten? Ich habe Besseres zu tun, als mich mit solchen Amöben herumzuschlagen.“ Wie halten Sie es damit?

Die sind bei mir alle handgeblockt. Ich gucke vor dem Blocken immer in deren Timeline, und wenn du da „Epoch Times“-Links siehst oder geteilte Tweets von irgendeinem Typen aus der zweiten Reihe der AfD Sachsen, dann kannst du eine Diskussion direkt vergessen. Dann sollen die halt in ihrer Blase bleiben. Der Satz gilt, seit ich vor fünf Jahren die Sendung gestartet habe: Die größte Bubble ist das gesellschaftliche Abseits. Dass man mit allen Menschen sprechen muss, ist ein schöner Gedanke aus dieser Sascha-Lobo-Welt oder von der Re:publica. Aber ich gehe da eher pragmatisch ran. Mit einigen Menschen kann man nicht sprechen, weil die das gar nicht wollen. Die wollen Monologe führen, und das möglichst schreiend. Wenn du da an die Vernunft appellierst, hast du keine Chance. Das muss ich mir nicht geben. Ich bin sehr froh, dass ich kein Politiker bin, der das aushalten muss. Das ist mir zu blöd. Ich finde es sehr schön, wenn man diese Bubble, dieses gesellschaftliche Abseits, mit der Kraft der vielen immer stärker kennzeichnet. Da helfe ich gerne mit.

Was haben Sie gedacht, als Helene Fischer sich nach den Vorfällen in Chemnitz auf einem Konzert öffentlich gegen Rechts positioniert hat. War das nötig? Oder wohlfeil?

Das ist doch nicht schlecht. Das kann man nicht verurteilen. Helene Fischer hat für ihr Publikum die richtigen Worte gefunden. Ich finde das cool. Man darf aber nicht vergessen, dass Leute wie Herbert Grönemeyer oder Marius Müller-Westernhagen oder Udo Lindenberg oder Jan Delay das mit ihrer Kunst seit vielen Jahrzehnten machen, auch die Ärzte oder die Toten Hosen. Bevor man Helene Fischer lobt, sollte man sich lieber dafür einsetzen, dass Campino tatsächlich das Bundesverdienstkreuz bekommt, statt nur dafür vorgeschlagen zu werden. Warum denn nicht?

Von Imre Grimm

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