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Nachrichten Medien Warum Heidi Klum kein Foto verdient hat
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21:53 07.03.2018
Der Engel mit den Eisaugen: Heidi Klum wirkt inzwischen wie aus der Zeit gefallen. Quelle: dpa
München

Sie kennt das, dass alle schimpfen, jammern, hadern: Eltern, Lehrer, Kinderpsychologen. Aber Kritik perlt an der aalglatten Geschäftsfrau aus Bergisch-Gladbach ab wie Brackwasser an einem Schwan. Streit? Ist doch gut für die Quote.

Seit zwölf Jahren hämmert Heidi Klum 15- oder 16-jährigen, vor Ehrgeiz zitternden Geschöpfen ihre verheerende Botschaft ein: dass nämlich kein Mensch auf der Welt, und sei er noch so klug, attraktiv und liebenswert, einfach schön ist, so, wie er ist. Nur die Industrie habe Mittel, wahre Schönheit zu generieren, lautet ihr Credo. Nur das beständige Streben nach einer abstrakten „Professionalität“ verheißt Glück. Höre nicht auf dich – höre auf mich! Und solltest du, mein liebes Fräulein, den Gesetzen der Beautyindustrie nicht folgen, dann geht’s ruck, zuck zurück in dein altes Leben mit Geigenunterricht und Kartoffelschälen, statt per Hubschrauber dorthin zu fliegen, wo der Glamour wohnt.

Brust raus, Bauch rein, Hirn aus

Und so wälzen sich „die Mädchen“ (Klum) in „Germany’s Next Topmodel“ („GNTM“) inzwischen in der 13. Staffel jeden Donnerstag nackt im Sand, baumeln ratlos von Kränen herab, lassen sich schicksalsergeben mit Farbe beklecksen und von Vogelspinnen bekrabbeln, steigen in Zeitlupe aus Swimmingpools, machen „schöne Beine“ und lächeln eifrig, während Klum, der Engel mit den Eisaugen, argwöhnisch über Abweichungen vom Normverhalten wacht. Brust raus, Bauch rein, Hirn aus. Mädchenkörper sind entmenschlichte Requisiten in dieser Welt. Sachen.

Doch der Wind dreht sich. Und plötzlich, im Lichte des gesellschaftlichen Fortschritts, wirkt Klums Fleischbeschau nicht mehr nur zynisch und albern, sondern altmodisch. Überkommen. Wie ein Werbespot aus den Sechzigerjahren. Das ist tödlich für eine Fernsehshow, die gern im Trend läge.

„Wer braucht noch Diät-, Schmink- und Modeterror?“

Und das ist neu: Nicht mehr nur Erziehungsberechtigte beklagen die lächerliche Grandezza der Teenagerparade, sondern die Zielgruppe selbst. „I’m not Heidis Girl“, singen Hamburger Schülerinnen im Alter von 11 bis 15 Jahren in einem vielgeklickten Musikvideo. Mit dem Lied, das Marcel Wicker geschrieben hat – Mitarbeiter der Organisation Pinkstinks – , kämpfen sie fröhlich und selbstbewusst gegen Geschlechterstereotype, Fremdbestimmung, Vereinnahmung und Body Shaming, also das ständige, verletzende Vergleichen körperlicher Merkmale. „Wir haben schon genug Stress mit der Schule, wer braucht denn noch Diät-, Schmink- und Modeterror?“, fragt die 15-jährige Aliya.

Aliya ist nicht allein. Nur 15 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov halten „GNTM“ für zeitgemäß – für 60 Prozent ist die Show überholt. Und wenn selbst eine Macho-Branche wie der Formel-1-Rennzirkus seine Grid Girls abschafft – der Volksmund spricht von „Boxenludern“ – ist das ein sicheres Indiz dafür, dass sich die Welt weitergedreht hat.

Klum selbst ficht das kaum an. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Kaltherzigkeit als „Professionalität“ tarnt, die Hybris, mit der sie die Eckpfeiler ihrer eigenen Biografie (Beharrlichkeit, Beine, Brüste, Biegsamkeit) zur Maxime für ein Frauenleben erhebt, birgt weiterhin die alte, traurige Botschaft: Das Leben ist ein durchökonomisierter Prozess, in dem Fremderwartungen stets zu erfüllen, Maximalziele zu setzen, Körper einem absurden Ideal nachzubilden und Unwuchten in Geist und Seele abzutrainieren sind. Gefallen als Lebenszweck – propagiert by Heidi Klum. Und der toxische Sadismus, mit dem sie aussortierte, weinende Kandidatinnen auch noch demütigt, verrät etwas über die Kälte in diesem Business. Dass diesmal zwei sogenannte „Curvy Models“ Klums Pro7-Sause mitmachen, also Frauen ohne klassische Modelmaße, ist kaum mehr als eine mediale Nebelkerze.

Die Quoten der aktuellen Staffel sind mäßig

Das Modelgeschäft sei eben so, entgegnet sie Kritikern kühl. Doch genau das darf man bezweifeln. Klum war als Model nie Teil der globalen Haute-Couture-Elite. Sie ist nie für die ganz großen Fashion-Ikonen gelaufen. In Mailand und Paris aber weht, wenn man Modeexperten glauben kann, ein milder Wind des Wandels, während Klum in ihrer plüschig-bunten Disney-Kleinmädchenparodie eines Fashionista-Paradieses verharrt. Die Quoten sind mäßig: 2,2 Millionen sahen 2018 die Auftaktshow, 2,6 Millionen waren es 2017.

Ihre eigene Tochter Leni (13), hat Heidi Klum mal in einem Interview gesagt, lasse sie in Ruhe. „Die Kinder müssen ihr eigenes Ding machen.“ Aber dann postete sie bei Instagram ein Foto von Leni mit dem Siegerpokal eines Tanzwettbewerbs. Dazu die Worte: „All die harte Arbeit hat sich ausgezahlt.“

Nein. Wir haben heute kein Foto für Heidi Klum.

Von Imre Grimm

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