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Das gute Gesicht Deutschlands

Ehrenamtler meistern Flüchtlingskrise, Staat ist nun in der Pflicht. Das gute Gesicht Deutschlands

Es sind häufig die kleinen Erlebnisse, für die sich große Anstrengungen lohnen. Vor laufenden Kameras wurde in dieser Woche ein Flüchtling aus Syrien gefragt, was ...

Es sind häufig die kleinen Erlebnisse, für die sich große Anstrengungen lohnen. Vor laufenden Kameras wurde in dieser Woche ein Flüchtling aus Syrien gefragt, was ihm in seinem ersten Jahr in Deutschland am besten gefallen habe? Die Antwort kam ohne Zögern: „Meine Deutschlehrer.“ Gemeint waren Männer und Frauen, die sich in ihrem Ort ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren.

 

LN-Bild

Von Jörg Kallmeyer

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Vielen der freiwilligen Flüchtlingshelfer wird bei solchen Worten warm ums Herz, einige von ihnen sollten gestern Abend Lob von oberster Stelle bekommen. Bundespräsident Joachim Gauck hatte 4000 ehrenamtlich Tätige ins Schloss Bellevue eingeladen. Der Termin hat Tradition, nie zuvor aber hatte das Ehrenamt eine solche Bedeutung wie jetzt. Im Zuge der Flüchtlingskrise ist eine neue Bürgerbewegung entstanden. Männer und Frauen sorgen in ihrer Freizeit dafür, dass Asylsuchende Kleidung bekommen, eine Wohnung einrichten können oder Deutsch lernen.

Die Flüchtlingshelfer sind in diesen Tagen, in denen weltweit über die Wahlerfolge der AfD debattiert wird, das andere, das gute Gesicht Deutschlands. Ohne sie, so urteilte die Bertelsmann-Stiftung in einer Untersuchung, hätte Deutschland den Ansturm nicht bewältigt. Umgekehrt heißt das aber auch: Der Staat war nicht selten überfordert. Manches, was als Flüchtlingsproblem dargestellt wurde, war ein Bürokratieproblem. Es fiel schwer, schnell genug eine Infrastruktur für die Unterbringung von tausenden Hilfesuchenden aufzubauen – und jetzt fällt es schwer, sie wieder herunterzufahren.

Der Staat konnte sich, zum Glück, auf seine Bürger verlassen. Aber er sollte jetzt auch seine Lehren ziehen. Ehrenamtliches Engagement kann auf Dauer staatliches Handeln nicht ersetzen. Das Jahrzehnt, in dem die Forderung nach „weniger Staat“ Konjunktur hatte, ist beendet. Dass in Umfragen eine Rückkehr der „german Angst“ beklagt wird, hat nicht allein mit den vielfältigen Bedrohungen von außen zu tun. Die Verunsicherung der Deutschen rührt vielmehr auch von dem Eindruck, dass der Staat häufig überfordert ist. Für innere Sicherheit etwa gibt es viele objektive Kriterien.

Entscheidend aber ist am Ende das subjektive Empfinden: Die Menschen fühlen sich nicht mehr sicher, wenn sie den Eindruck haben, dass die Polizei nach diversen Sparrunden in ihrem Ort nicht mehr präsent ist.

Die Integration der bei uns lebenden Flüchtlinge wird ohne Sportvereine und ohne Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, nicht gelingen. Damit aber ist die öffentliche Hand nicht aus der Pflicht.

„Mehr Staat“ muss jetzt das Versprechen sein, schnell einzulösen etwa in den Schulen: Damit Integration gelingen kann, braucht Deutschland im großen Stil neue Lehrer. Gut ausbildet, staatlich beschäftigt – aber sicher nicht weniger beliebt als ihre freiwilligen Helfer.

LN

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