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Der trotzige Norden

Die Image-Kampagne des Landes beschwört einen Mythos. Der trotzige Norden

Wer aus entlegenen Gegenden der Republik nach Schleswig-Holstein kommt, wundert sich zuweilen, dass hier eine Himmelsrichtung zur näheren Bestimmung der Eingeborenen-Identität dient.

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Von Michael Berger

Wer aus entlegenen Gegenden der Republik nach Schleswig-Holstein kommt, wundert sich zuweilen, dass hier eine Himmelsrichtung zur näheren Bestimmung der Eingeborenen-Identität dient. Mit „Wir im Norden“ grenzt man sich vom Rest des Landes ab. Die Kieler Regierung spitzt diese Klassifizierung jetzt zu und lässt zum Zwecke der Markenbildung behaupten, Schleswig-Holstein sei „der echte Norden“.

Was die Frage aufwirft, wo der unechte Norden zu finden wäre — in Hamburg, Mecklenburg, Niedersachsen, Bremen?

Süddeutsche würden übrigens nie in ähnlicher Weise auf ihre exponierte Lage hinweisen. Kein Bayer sagt so etwas wie: Wir im Süden sind ganz oben. Die bescheidenen Baden-Württemberger sowieso nicht. Der Begriff Norden, das legt sein Gebrauch in unserer Region nahe, muss noch eine andere Qualität als die der Richtungsanzeige haben, etwas Mythologisches. Er riecht nach Wetter, Wind und Wogen. Trotziges klingt da mit, die Behauptung des Knorrig-Echten. Regisseur Detlev Buck weiß diese Begriffsinhalte trefflich in Szene zu setzen, nicht nur in seinen frühen Filmen („Karniggels“), auch in den Werbespots für das Flensburger Bier. Da wird eine reizarme Landschaft mit weitem Horizont von einsilbigen Menschen bevölkert, die sich nichts aus Äußerlichkeiten machen, Gummistiefel bei jedem Wetter für das passende Schuhwerk halten, einfältig wirken, aber schlau agieren.

Dass Norddeutsche draußen in der Welt oft etwas gedrückt wirken, dass sie einen Provinzkomplex mit sich schleppen, könnte an den untergründigen kulturellen Vorurteilen der Restdeutschen liegen.

Von Friedrich Nietzsche, der wie viele Landsleute sein Arkadien in Südeuropa suchte, ist das Verdikt überliefert: „Der Norden ist ein Irrtum.“ Und dass die Nazis das „Nordisch-Germanische“ feierten, beeinträchtigt den Ruf bis heute. Die Kampagne der Regierung soll das Image des Landes erhöhen. Den Menschen aber, die es bevölkern und die sich im Norden verorten, geht es um Selbstvergewisserung.

Egal, ob echte oder zugezogen — für sie lautet das bessere Motto „Ubi bene, ibi patria“. Wo‘s mir gut geht, da ist Heimat. Und die Randlage erweitert den Horizont.

LN

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