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Die neue Bürgerbewegung

Ehrenamtliche Helfer bringen uns in der Flüchtlingskrise voran. Die neue Bürgerbewegung

Die „Menschen des Jahres“ sind gekürt, die Preise für prominente Deutsche sind vergeben.

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Doppelmoral

Von Jörg Kallmeyer

Die „Menschen des Jahres“ sind gekürt, die Preise für prominente Deutsche sind vergeben. Verdient hätten die Auszeichnung aber ganz andere — jene Zehntausende Menschen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Nach einer gestern vorgelegten Studie packen fast elf Prozent der Deutschen in Flüchtlingsheimen mit an, verteilen Kleidung oder sammeln Spenden ein — das sind mehr Ehrenamtliche als in allen Sportvereinen zusammen.

In aller Stille und vor allem in Windeseile ist in Deutschland eine neue Bürgerbewegung entstanden. Wer sich ihr anschließt, braucht dafür nicht unbedingt die Mitgliedschaft in einer klassischen Vereinigung oder Organisation. Die Flüchtlingsunterstützer strafen all jene Lügen, die immer einen wachsenden Egoismus und eine Vereinzelung in der Gesellschaft beklagen. Das Ehrenamt ist lebendig wie nie zuvor — es sucht sich aber seine eigenen Wege.

Gemeinsam haben die Helfer in diesem Jahr viel erreicht — für die Hilfesuchenden selbst natürlich, aber auch für das ganze Land. Sie haben es geschafft, den Eindruck des „dunklen Deutschlands“ zu vertreiben, der nach Attacken auf Asylunterkünfte und nach Dauermärschen von Pegida-Anhängern in Dresden entstanden war. Deutschland gilt am Ende fast überall auf der Welt als leuchtendes Beispiel — auch in den USA, wo man es eigentlich gewohnt ist, Probleme entschlossen anzupacken. In einem Leitartikel der „New York Times“ feierte der Publizist Roger Cohen Deutschland gestern als neue „Can-Do-Nation“. Nicht ohne zugleich zu erwähnen, dass die USA gerade auf dem Weg seien, dieses Prädikat zu verspielen.

Der neue Ruf Deutschlands in der Welt leitet sich nur zum Teil von der Politik ab. Auch die Behörden leisten viel, wären ohne die Ehrenamtlichen aber längst am Ende. Bisweilen steht die Arbeit der Ämter sogar in einem krassen Gegensatz zum Einsatz der Freiwilligen. Vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) campieren noch immer Flüchtlinge nachts unter freiem Himmel, weil die Behörde die Verteilung nicht in den Begriff bekommt. Der Amtsleiter musste gehen, der Ruf der Hauptstadt aber bleibt ramponiert. Die politisch Verantwortlichen liefern sich Scharmützel mit der Bundesregierung, in der Sache kommt man nicht voran. Das Lageso-Drama wirkt am Ende wie eine trotzige Antwort auf die „Wir-Schaffen-Das“- Losung von Kanzlerin Angela Merkel. Die Wirkung aber fällt anders aus: Hat Deutschland nicht nur ein Flüchtlingsproblem, sondern an manchen Stellen auch ein Bürokratieproblem?

Die Ehrenamtlichen werden im nächsten Jahr noch gebraucht, auch wenn die Flüchtlingszahlen zurückgehen sollten. Denn die Integration der Menschen, die jetzt bei uns sind, lässt sich nur schwer von oben verordnen oder steuern. Die neue Bürgerbewegung braucht noch viel Schwung.

LN

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