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Die spinnen, die Briten

Kommentar Die spinnen, die Briten

Die EU muss die Schuld am Brexit nicht bei sich selbst suchen, meint unser Redakteur Matthias Koch.

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INTERNATIONALE PRESSESTIMMEN

Was passiert, wenn wir die EU verlassen? Für diese Suchanfrage registrierte Google in Großbritannien am Freitagmorgen, nach Schließung der Wahllokale, einen nie dagewesenen Anstieg von 250 Prozent.

Da war es schon zu spät. Die Briten hätten sich besser vorher erkundigen sollen. Tatsache ist: Nichts wird auf ihren Inseln besser durch den Brexit- Nonsens, vieles aber wird in den kommenden Jahren schwieriger und schlechter: für ganz Europa, vor allem aber für Großbritannien selbst.

Die EU, sagen nun viele, müsse die Gründe für den Missmut vieler Briten selbstkritisch analysieren. Tatsächlich fehlte in den letzten Wochen eine strahlende pro-europäische Figur, die auf den britischen Bühnen integrierend oder gar inspirierend hätte wirken können. Doch die Verbeugung vor dem Votum der Briten sollte nicht zu tief ausfallen. Hören wir doch auf, als Kontinentaleuropäer die Schuld an allem stets bei uns selbst zu suchen. Die Briten waren, emotional gesehen, nie wirklich mit von der Partie. 1974, ein Jahr nach ihrem Beitritt zur heutigen EU, ging absurderweise schon die erste Debatte um den Austritt los; Helmut Schmidt reiste seinerzeit zum Labour-Parteitag und bat die lieben Genossen, doch bitte zu bleiben. Später brachte Margaret Thatcher („I want my money back“) über viele Jahre hinweg immer wieder Helmut Kohl zum Verzweifeln.

Zwei britische Sonderfaktoren belohnten zu allen Zeiten das billige Brüssel-Bashing in London. Erstens eine teils extrem europafeindliche Presse, zweitens eine leider sehr gestrige Stimmung bei älteren Briten, die sich noch an überkommene Empire-Phantasien klammern. Auf diesem dünnen Eis darf man als Premier europapolitisch keine Polka tanzen. Der unselige David Cameron aber hat genau dies getan, mit irrwitzigen Drehungen und Wendungen. Monatelang warf er Brüssel vor, die Briten zu benachteiligen – dann behauptete er plötzlich, nun seien seine Bedingungen erfüllt, die Briten sollten jetzt bitte für den Verbleib in der EU stimmen. Dieses Hin und Her haben viele nicht mitgemacht, schon gar nicht die Pessimisten, die Abgehängten, die Fortschrittsverlierer in den düsteren Problemregionen Englands.

Cameron blickt jetzt auf ein doppeltes Desaster. Er hat von Europa einen großen Felsen abgesprengt, zugleich aber auch sein eigenes Land gespalten. Schon rührt sich in Schottland der Wunsch, als unabhängige Nation in die EU zurückzukehren. Fazit: Der Brexit macht Großbritannien schwächer. Auch mit dem nächtens groß gefeierten Sieg der direkten Demokratie ist es nicht weit her. Künftige britische Regierungen wollen den Zugang zum EU-Binnenmarkt behalten, dürfen aber als Nichtmitglied dessen Regeln nicht mehr beeinflussen. Unterm Strich ergibt das ein Minus an Demokratie. Angesichts dieses widersprüchlichen Gesamteindrucks darf man es in London nicht übelnehmen, wenn sich Leute anderswo in Europa augenrollend an die Stirn tippen und Obelix zitieren: „Die spinnen, die Briten.“

Ein Kommentar von Matthias Koch

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