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Draghi hat zu viel versprochen

Das Vertrauen in Europas Zentralbank schwindet zusehends. Draghi hat zu viel versprochen

Große Worte hängen ihrem Schöpfer lange nach. Vier Jahre ist es inzwischen her, dass Mario Draghi sein „whatever it takes“ für die Geschichtsbücher sprach: Die EZB ...

Große Worte hängen ihrem Schöpfer lange nach. Vier Jahre ist es inzwischen her, dass Mario Draghi sein „whatever it takes“ für die Geschichtsbücher sprach: Die EZB werde alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten, „und glauben Sie mir, es wird genug sein“. Der Satz hat damals gewirkt – mehr als alle Milliarden, die die Europäische Zentralbank danach eingesetzt hat, um das Versprechen mit Leben zu füllen. Die Finanzmärkte fassten Vertrauen, die Lage hat sich beruhigt, die Währungsunion ist heute jedenfalls stabiler als 2012.

 

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Von Stefan Winter

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Aber die EZB macht weiter, denn spätestens die drei Worte von London haben sie und ihren Präsidenten zum Dreh- und Angelpunkt europäischen Krisenmanagements gemacht. Das Publikum ist längst zu anderen Krisen weitergezogen, die Notenbank tut unverdrossen, was ihr geboten scheint: Geld im Überfluss bereitzustellen. Es braucht einige akademische Verrenkungen, um das mit der Rettung des Euro zu begründen. In Wahrheit sind die Geldverwalter Europas längst tief ins Tagesgeschäft anderer Leute eingetaucht. Ihre Politik hat die Wertpapierkurse hochgetrieben, sie hält mühsam die Konjunktur am Laufen und erleichtert Regierungen die Schuldenlast. Ein Kurswechsel jetzt würde direkt in die nächste Finanz- und Schuldenkrise führen. So frei die EZB formal auch ist: Mit seinem Macher-Anspruch hat sich Draghi in die Sackgasse manövriert.

Die Medizin wirkt kaum, dafür erhöht die gigantische Dosis die Nebenwirkungen. Aktien- und vor allem Anleihekurse, die Übernahmewelle an der Börse, Immobilienpreise, die Entwicklung großer Vermögen oder eben hohe, weil billige, Staatsschulden – nichts davon bringt die Welt weiter. Eher das Gegenteil ist der Fall. An den entscheidenden Stellen sucht man die Wirkung dagegen mit der Lupe: Die Konjunktur läuft mühsam, Preise stagnieren, die Unsicherheit bei Unternehmen und Bürgern ist groß. Dass Draghi die Maßnahmen gestern als „effektiv“ lobte, ist nicht mehr als eine Phrase. Noch mehr der Medizin, das schwant auch Draghi, wird nur die Nebenwirkungen verstärken. So versucht der Notenbankchef langsam wieder auf den Boden zu kommen. Gestern hat der EZB-Rat – richtigerweise – die Enttäuschung der Finanzmärkte in Kauf genommen und die Geldschleusen vorerst nicht noch weiter geöffnet.

Es geht weniger um Geld, als um Vertrauen. Mit seinem „whatever it takes“ wurde Draghi für die Geldwelt eine Art Wunderheiler. Das ist vorbei. Je verzweifelter die EZB versucht, die politischen Defizite Europas geldpolitisch zu überspielen, desto mehr schwindet das Vertrauen in ihre Möglichkeiten. Draghi hat damals zu viel versprochen: Die EZB kann vieles tun, um die Währungsunion zu stabilisieren, aber nicht genug. Dafür werden Regierungen, Unternehmen und Bürger gebraucht.

LN

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