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Ein Tag der Gewissensfreiheit

LEITARTIKEL Ein Tag der Gewissensfreiheit

Reformationsjubiläum? Der alte Goethe war skeptisch. „Unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant, als Luthers Charakter und es ist auch das einzige, ...

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Von Bischöfin Kirsten Fehrs

Reformationsjubiläum? Der alte Goethe war skeptisch. „Unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant, als Luthers Charakter und es ist auch das einzige, was der Menge eigentlich imponirt“, schrieb er im Herbst 1817 an einen Freund.

„Die Grundforderung der Reformation gilt aus meiner Sicht für alle Institutionen, für Politik, Religionsgemeinschaften, Wirtschaft und Gesellschaft.

Heute, zwei Jahrhunderte später, feiern wir wieder. Genau 500 Jahre sind vergangen, seit Luther seine 95 Thesen zur Reform der Kirche in Wittenberg veröffentlicht hat. Jahrelang haben sich Kirchen, Politik und Kultur auf diesen Festtag vorbereitet. Und in einem Punkt stimme ich Goethe zu: Luther läuft. Theater führten Lutherstücke auf, Schriftsteller lasen Luther-Texte, Museen organisierten Ausstellungen. Schulen, Studierende und Unternehmer luden mich zu Vorträgen ein. Gerade weil der Reformator so eine schillernde Persönlichkeit ist, einerseits klug und weitsichtig, aber auch polternd und sogar menschenverachtend in seinen Polemiken, weckt er auch heute noch Interesse.

Und sonst? Da würde ich dem Dichter widersprechen: Es gibt heute auch jenseits von Luther vieles zu feiern und zu bedenken. Denn was damals angestoßen wurde, prägt unser Leben bis heute. Mit der Reformation kamen zwar noch nicht Aufklärung und Religionsfreiheit. Aber es entwickelte sich die Überzeugung, dass Glauben und Gewissen frei sein müssen. Auch die Gleichberechtigung der Frau war für die Reformatoren noch kein Thema – aber sie forderten, dass auch Mädchen zur Schule gehen sollten. Die Herrschaft der Fürsten wurde nicht wirklich infrage gestellt – aber auf die weltliche Macht beschränkt. Was also damals begann, entfaltete sich erst im Laufe der Jahrhunderte.

Darin liegt auch die Chance des heutigen Feiertages: Er weist weit über die Kirche hinaus. Ecclesia semper reformanda, die Kirche muss sich immer wieder erneuern – diese Grundforderung der Reformation gilt aus meiner Sicht für alle Institutionen, für Politik, Religionsgemeinschaften, Wirtschaft und Gesellschaft.

Inzwischen mehren sich die Forderungen aus Politik und Zivilgesellschaft, den Reformationstag dauerhaft zum Feiertag zu machen. Ich kann dem viel abgewinnen. Ein solcher Tag kann Impulse geben für die Frage nach Glaubens- und Gewissensfreiheit. Wir könnten ihn auch dazu nutzen, um uns als Gesellschaft zu fragen: Was muss besser werden in unserem Land? Wie müssen sich Institutionen ändern, um weiterhin den Menschen zu dienen?

Wir brauchen diesen Tag allerdings nicht, um uns selbst zu loben oder um gar das lutherische Bekenntnis gegen andere Konfessionen zu profilieren. Da lasse ich gerne wieder Martin Luther selbst zu Wort kommen. „Man wolle von meinem Namen schweigen. Was ist Luther? Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi dürfte nach meinem nichtswürdigen Namen nennen?“ So wollen wir diesen Tag feiern als ein Fest der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Eine Freiheit, die für ausnahmslos alle gelten soll.

LN

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